Die Schüler der Stetson Middle School ahnen nicht, dass sie von jenem Montag an Teil eines gewaltigen Schulexperiments sind. Dass sie am Morgen eine öffentliche Schule betreten und am Nachmittag eine private verlassen werden. Wie auch? Alles scheint wie immer. Um kurz vor acht, eine Viertelstunde vor Schulbeginn, öffnet sich eine Pforte, stählern und fensterlos wie ein Gefängnistor. Ein paar Dutzend Halbwüchsige drücken sich am Schulpolizisten vorbei in den Keller. Dort geht's zur Kantine, dort gibt's Frühstück.

Und dort steht Michael Carlsson und sagt: "Frühstück ist hier gut und peinlich. Gut, weil es welches gibt. Peinlich, weil die Mitschüler merken, dass es zu Hause keins gibt." Carlsson gilt hier als Respektsperson, ein Mann mit Schlips und Titel. Stellvertretender Rektor ist er, unterwegs auf seinem morgendlichen Rundgang; letzte Inspektion, bevor die Schulprivatisierung beginnt. In der Holzwerkstatt ist schon Betrieb, ein Lehrer schaut heraus und ruft: "Ist Edison da?" Edison, das ist kein Stromversorger, sondern jene Schulfirma, die die Stetson Middle School heute übernehmen soll. "Nein, noch nicht, kommt erst am Mittag", sagt Carlsson. "Aber wenn die kommen, zeigen Sie denen ruhig die kaputten Trinkbrunnen und die maroden Wasserleitungen." Ob der neue Eigner sich des Baus annehmen wird, dieser riesigen Trutzburg aus Rotklinker, 1915 aufgetürmt, seither kaum aufgemöbelt? "Keine Ahnung", sagt Carlsson. "Schön wär's."

Im zweiten Stock lugt noch ein Lehrer aus seinem Klassenzimmer hervor: "Edison?" - "Nein, noch nicht da." - "Schade, denn dann könnte mir endlich mal jemand erklären, was Privatisierung bedeutet. Werden die Schüler künftig bezahlt, damit sie kommen? Oder ist es umgekehrt, und die Schüler müssen zahlen, damit sie kommen dürfen?" Achselzucken. Genau weiß hier keiner, was geschieht, wenn eine öffentliche Schule mit 1000 Schülern übergeben wird - nicht an eine Kirche, nicht an eine Stiftung, nicht an eine wohltätige Institution, die sich allein den Idealen der Bildung verpflichtet fühlt, sondern an eine börsennotierte Firma, deren Ziel es sein muss, Geld zu verdienen. Gewinn machen mit der Stetson Middle School, einer hoch verschuldeten öffentlichen Einrichtung?

Niemand ist hier vorbeigekommen, kein Bildungsbürokrat, kein Stadtrat, und hat den Lehrern des Rätsels Lösung verraten. Wahrscheinlich, weil niemand Zeit hat, seit der Staat Pennsylvania seiner größten Stadt kurzerhand per Gesetz die Schulen entriss. Man ist wohl zu beschäftigt mit den Nachbarschulen, mit Luis Muñoz Marin Elementary, mit Grover Cleveland Elementary, mit all den anderen Schulen von Philadelphia, 70 insgesamt, die jetzt, zerschlagen und neu gegründet, Universitäten und Vereinen oder profitorientierten Unternehmen übergeben werden. 20 Schulen soll allein die Wallstreet-Firma EdisonSchools Inc. erhalten und an diesem Montag im Mai erstmals betreten dürfen. Die Klassenzimmer der Stadt werden damit, wie die Philadelphia Daily News schreibt, "zum Großlabor für das kühnste Experiment in der Geschichte des großstädtischen Bildungswesens in Amerika". Nirgends ist bislang versucht worden, fast einen ganzen Schulbezirk zu entstaatlichen.

Geboren wurde die Idee aus dem Mut der Verzweiflung über die Zustände in der Millionenstadt, in der die Hälfte der 200 000 Schüler nicht einmal minimale Anforderungen an Lesen, Schreiben und Rechnen erfüllt. Nun wird sich zeigen, ob James Nevels Recht hat, der Vorsitzende der Schulreformkommission, der sagt: "Die Lage ist so dramatisch, dass wir eine mutige Reform brauchen, damit wir nicht eine ganze Schülergeneration verraten und verlieren." Oder ob Jerry Jordan Recht behält, der Vizepräsident der örtlichen Lehrergewerkschaft, wenn er entgegnet: "Das ist ein Menschenversuch mit Kindern. Eine ganze Generation werden wir dadurch verlieren und am Ende als Gesellschaft die sozialen Kosten bezahlen müssen."

Die Stetson Middle School gehört zu jenen Schulen Philadelphias, die ihren 10- bis 13-Jährigen am wenigsten beibringen; jedenfalls gemessen an den Ergebnissen jener standardisierten Tests, die in Amerika ein ähnliches Gewicht haben wie das Wort der Bibel. Warum Stetsons Schüler so schlecht abschneiden, erklärt Vizerektor Michael Carlsson ganz oben im Treppenhaus, wo eine riesige Fensterfront den Blick auf den Norden Philadelphias freigibt. "Sehen Sie dort die Backsteinfassade?" Carlssons Finger weist ins Gewirr der Straßen und Brachen. "Das war die Fabrik, die unserer Schule den Namen gab. Da wurde der Stetson gefertigt, feine Cowboyhutmode." Und heute? "Alles dicht, seit Jahrzehnten schon, Produktion in Malaysia, in Mexiko, weiß der Himmel, wo."

Ebendies ist die traurige Geschichte des Viertels und im Grunde der ganzen inneren Stadt. Geblieben sind nur die Kulisse der Industrie aus dem 19. Jahrhundert, die Fabrikhallen, die engen Straßen, die endlosen Zeilen bescheidener Reihenhäuser. Doch zwischen diesen Häuserzeilen herrschen heute die Gesetze des amerikanischen Großstadtdschungels. Hier haben Armut und Kriminalität eine Ehe geschlossen. Während Michael Carlsson unterm Dach am Fenster steht und das alles erzählt, heult unten schon wieder eine Sirene auf, und ein Polizeiwagen fährt vorbei. Gegenüber haben die Nachbarn ihren Besitz mit mannshohen Zäunen gesichert, obendrauf Rollen aus Stacheldraht. Die Eingangstüren der meisten Häuser sind vergittert, aus dem Pflaster der Trottoirs quillt das Unkraut. In der Dämmerung lodern aus rußschwarzen Ölfässern jene Feuerchen, die man in Deutschland nur aus den schlechten Krimis auf ProSieben kennt.