Er kam mit 22 für die SPD in den Bundestag und ist damit der jüngste Abgeordnete. Der Bankkaufmann aus Erfurt ergatterte einen Posten im Haushaltsausschuss

Eine Tube Haargel und eine angebrochene Packung Schokomüsli stehen im Regal des Bundestagsbüros von Carsten Schneider. Spärliche Hinweise darauf, dass hier, im fünften Stock des Paul-Löbe-Hauses, der jüngste Abgeordnete der Geschichte der Bundesrepublik sitzt. Der 26-Jährige zündet sich eine Lucky Strike an, spielt mit dem Feuerzeug und erzählt, wie er, der Junge aus Erfurt, mit nur 22 Jahren SPD-Bundestagsabgeordneter wurde.

Wie er sich klein gefühlt habe, früher, wenn er durch Erfurt ging - "so wie man das in der DDR lernte" -, und er heute "Lust an der Macht" spüre, wenn er in seinem Wahlkreis unterwegs ist: "Jetzt kann ich Einfluss nehmen."

Der Eintritt in die SPD mit 19 Jahren sei eine "Bauchentscheidung" gewesen, sagt Schneider. Seine Banklehre langweilte ihn, bei den Jusos habe er sich "ausgelebt". Journalist wollte er werden, Politiker nie. Dann wird der Bankkaufmann vom Vorsitzenden des Ortsverbands gefragt, ob er nicht als SPD-Direktkandidat für den Bundestag kandidieren wolle - gegen einen um Jahre älteren SPD-Gewerkschaftsfunktionär. Der 22 Jahre junge, politisch unerfahrene Schneider lernte in den Monaten nach seiner Zusage vor allem, Niederlagen einzustecken.

Der Gegenwind kam aus den eigenen Reihen: Der thüringische SPD-Landesvorsitzende habe ihn vom sicheren Listenplatz "abgeschossen". Hinzu kamen "vergeigte Reden". Der Radleistungssportler will alles hinschmeißen, hält aber durch, um sich "keine Blöße zu geben". In dieser Krise holt der Schröder-Anhänger sich bei Parteifüchsen Rat, mobilisiert alle, die er im Ortsverband kennt, und setzt sich schließlich mit einer Stimme Vorsprung durch. Bei der Bundestagswahl 1998 erringt Schneider sogar überraschend das Direktmandat.

"Viel Glück war auch mit dabei", als er dank Ost-Proporz den Posten im ebenso mächtigen wie begehrten Haushaltsausschuss bekam. Doch der durch sein junges Alter ausgelöste Medienrummel brachte Schneider Ärger in der Fraktion. "Biste zum Show-Machen hier oder zum Arbeiten?", solche Sprüche bekam er zu hören. "Ich hab gelernt, dass ich mich in Sacharbeit knien muss, um Akzeptanz im Ausschuss zu kriegen, statt überall Interviews zu geben." Der Nachwuchspolitiker gründete mit anderen jungen Fraktionskollegen das Netzwerk Berlin, zudem kickt er im FC Bundestag. Taktisch klug: "Ohne Kungeln geht's nicht, das ist Handwerkszeug und gehört in der Politik dazu."

Die Arbeit als Abgeordneter findet Schneider "spannend, manchmal aber auch zermürbend". Höchstens zwölf Jahre insgesamt kann er sich vorstellen, im Bundestag zu bleiben. "Dann bin ich 35 und will mein Leben wieder anders ausrichten."