Manchmal reicht ein Abendessen, um ein Leben zu verändern. Manchmal braucht Gönke Petersen auch ein wenig länger. "Aber es ist schon erstaunlich, was ich oft bereits nach ein, zwei Stunden alles über einen Menschen sagen kann", wundert sich die 44-Jährige, die sich Business- und Relationship-Coach nennt ("Dafür gibt es keinen deutschen Ausdruck").

"Wie wirke ich als Mann? Weiblicher Coach gibt ehrliches Feedback bei gemeinsamem Essen (Honorar, kein Sex)" - zwei Zeilen in einem Berliner Veranstaltungsmagazin genügten, und Gönke Petersen hatte bereits 40 potenzielle Kunden für ihre neuartige Dienstleistung. Oder fast 40, denn zwei oder drei Anrufer hatten den Text wohl falsch verstanden und mehr als ein Gespräch erhofft. "Aber das hat sich von selbst wieder gelegt. Ich habe so eine Ausstrahlung, da wird schnell klar, dass das nicht funktioniert", sagt die kühle Blonde mit dem friesischen Vornamen und lacht.

"Wie wirke ich als Mann?" ist eine Frage, die nicht nur in Beziehungsdingen, sondern auch beruflich interessant ist. Überhaupt hätten viele Menschen zwar einen hohen Lebensstandard, aber nicht die erhoffte Lebensqualität, weil "sie nicht den Zugang haben, das zu genießen". Doch warum hat Petersen sich gerade auf Männer spezialisiert? "Ich habe festgestellt, dass ich einen Draht zu ihnen habe. Männer sind anders als ihr Ruf unter Frauen. Sie haben weniger Möglichkeiten, mit Emotionen umzugehen. Nicht über Gefühle zu sprechen heißt aber nicht, gefühllos zu sein, das Gegenteil ist der Fall. Männer sind so gefühlvoll, dass die Frauen schockiert sind, wenn sie das mitbekommen." Petersens Folgerung: "Was die Geschlechter übereinander denken, ist nicht die Realität." Solche Sätze sind Balsam für die missverstandene Männerseele.

Fremden Menschen, die ihr von ihren Schwierigkeiten erzählen, eine Partnerin zu finden oder im Kollegenkreis voll akzeptiert zu werden, einen guten Rat fürs ganze Leben zu geben bedeutet auch eine große Verantwortung. Woher nimmt Gönke Petersen ihre Menschenkenntnis und ihre Selbstsicherheit? "Meine Augen, meine Wahrnehmung sind mein einziges Werkzeug. Ich mache keine Bilder, ich will nicht analysieren und interpretieren, sondern widerspiegeln. Ich bewerte es nicht, was ich über mein Gegenüber erfahre, arbeite nicht mit Schubladen und Kategorien. Es geht nicht darum, was mir gefällt." Natürlich seien die meisten Männer Schauspieler, eine nicht geringe Zahl habe sogar Entertainerqualität. Doch Gönke Petersen gibt ruhigen Auges wieder, was sich hinter der Fassade tut.

Aber gerät sie mit ihrer Ehrlichkeit nicht schnell an Grenzen? Sagt sie wirklich alles, was ihr auffällt, auch auf die Gefahr hin, ihr Gegenüber vor den Kopf zu stoßen? "Unser Selbstbild weicht von dem Bild, das wir auf andere abgeben, ab. Wir sehen unsere Qualitäten als normal an. Das sind sie aber nicht." Deshalb streut sie nicht Salz in offene Wunden, sondern arbeitet heraus, was ihr Gegenüber an besonderen Fähigkeiten hat, die ihm selbst gar nicht bewusst sind. Petersen: "Die zentralen Fragen sind doch, wer ist derjenige, was würde er gern machen, was will er mit seinem Leben anfangen?" Als Beispiel nennt sie einen Kunden, der so schüchtern war, dass er sich nicht mehr verabredete und abends nicht mehr aus dem Haus ging. Im Gespräch stellte sich heraus, dass er sehr musikalisch war. Sie überzeugte ihn, sich nicht mehr auf das Sich-Verabreden-Müssen, sondern lieber auf die Musik zu konzentrieren. "Vergessen zu denken, mehr Spaß haben - wenn wir mit uns selbst im Einklang sind, wirken wir auch auf andere attraktiver." Jetzt spielt er Jazz, tanzt Tango - und die Verabredungen ergeben sich von selbst.

Ehrliche Worte für 130 Euro

Weil die gelernte Sozialpädagogin nach ihrer Ausbildung zur Außenhandelskauffrau feststellte, dass weder der eine noch der andere Beruf sie auf Dauer befriedigen würde (drohendes Burn-out-Syndrom beziehungsweise ein zu eingeschränktes Tätigkeitsfeld), wechselte sie in die Personalberatung und machte sich schließlich als Trainerin selbstständig. "Dabei kam ich auch mit der "Sage"-Lehrmethode in Berührung, die auf Beobachten und Widerspiegeln beruht. Es geht darum, die Menschen zu unterstützen und ihre Talente mehr zum Vorschein zu bringen."