C D - K R I T I K Der Universalhasser

Eminem, weißer Superstar des HipHop, gibt auch auf seiner neuen CD den verbalen Amokläufer

Mit dem Erscheinen seines neuen Albums The Eminem Show wird sie wieder aufflackern, die Frage, was Kunst darf, soll, muss, ob es Grenzen gibt und ob schlimme Fantasien auch schlimme Taten nach sich ziehen. Eminem wiederum wäre nicht der selbst ernannte "Master of Controversy", würde er seinem Ruf nicht schon im allerersten Stück gerecht. Per Megafon ergeht die Widmung an alle amerikanischen Helden und Heldinnen, die ihren Hals hingehalten haben für die Freiheit des Ausdrucks. Was folgt, ist ein Rundumschlag gegen das weiße Amerika im Allgemeinen und seine Heuchler und Moraltanten im Besonderen, der die im Munde geführte Redefreiheit bis an die Grenzen auskostet.

Wie auf den vorherigen beiden Langspiel-Epen geht es um böse Jungs und böse Frauen und darum, was böse Jungs mit bösen Frauen machen: bitch nennen, zu geschlechtlichen Zwecken missbrauchen, zur Hölle wünschen. Soldier heißen die Titel, Superman oder auch 'Till I collapse. Zwischendurch heult die Kettensäge auf, hallen Schritte, auch wer schwul ist, sucht besser das Weite. Eminem (Slang für M and M), bürgerlich Marshall Mathers III und erster weißer Superstar des HipHop, erzählt von Dingen, die Lynne Cheney, Frau des US-Vizepräsidenten, so zuverlässig ekeln, dass ihre Federal Communications Commission (FCC) nach Zensur ruft - und also beide etwas davon haben. Einer muss das Tabu brechen, sagen seine Raps. Nicht ihre Schuld, wenn es weh tut.

Gut gemacht sind sie zweifellos, diese Gänge an die Schmerzgrenze. Das Böse kommt nicht so eindimensional dahergesplattert wie bei der neuerdings oft und gern zitierten Heavy-Metal-Band Slipknot, es kennt außer Baseballschlägern und Horrormasken Suspense, Raffinement, Knowhow. Wenn der Vorhang zur Eminem Show sich öffnet, Kinderlachen erklingt wie aus den Häusern einer gepflegten Vorstadt, weiß man mit der Angstlust eines Kinozuschauers, dass das Idyll gleich empfindlich gestört werden wird. Und wenn das Stakkato der Stimmen dann einsetzt, hat es außer Flow auch Stil.

Neben den schwarzen Traditionen des Rap lassen sich sämtliche Verfahren avancierter Textproduktion nachweisen, vom multiperspektivischen Erzählen bis hin zum Bewusstseinsstrom. Auch dass nicht immer Eminem spricht, wenn Eminem den Mund aufmacht, wissen Fans und wohlmeinende Interpreten längst. Slim Shady heißt sein Alter Ego, ein moderner Mr Hyde, der immer dann zum Einsatz kommt, wenn die Vernunft schlafen geht. Gezeigt wird also eine Kunstfigur, die mit künstlerischen Mitteln Albträume vor sich hinträumt. Und doch hat das Hantieren mit Vehikeln und Masken auch etwas Scheinheiliges.

Habt ihr schon Angst?

Zum einen ist es Teil eines Spiels mit Andeutungen, das der Zensur ein Schnippchen schlägt, indem es Aussagen auf Rollen verteilt. Nicht ich, der Text ist's gewesen, sagt Eminem, also kann man mich auch nicht zu fassen bekommen. Sollte eine Fantasie im Einzelfall doch einmal justiziabel sein, helfen immer noch Distanzierungsgesten am Ende der Tracks. Mit anderen Worten: Eminem hat - in verblüffender Ähnlichkeit zum Fall Walser - den Kunstvorbehalt, mit dem die liberale Öffentlichkeit die Freiheit der Rede schützt, für eigene Zwecke funktionalisiert.

Umgekehrt zehren seine Verwünschungen geradezu davon, dass die Grenzen zwischen Leben und Kunst verschwimmen. Das Unheimliche, sagt die Tiefenpsychologie, nimmt seinen Ausgang bei der intellektuellen Unsicherheit über die wirkliche Beschaffenheit einer Sache. Nie lässt sich genau sagen, ob der amerikanische Psycho hinter der Maske nicht doch mit dem Artisten identisch ist, erst das perfektioniert den Grusel. Habt ihr schon Angst?, fragt es aus den Szenen heraus. Nein? Dann kratzen wir noch etwas weiter am Lack der Zivilisation.

Es wird ja auch kein fiktiver Stoff verhandelt. Eminem-Raps haben ausschließlich das Leben und Leiden des jungen E. zum Thema, eines blauäugigen, blond gefärbten Boys, der das Pech hatte, auf der falschen Seite von Detroit aufzuwachsen. In der postmodernen Welt der Popkultur verschafft ihm das einen unschätzbaren Authentizitätsbonus. Im Unterschied zu anderen weißen Rappern wie Vanilla Ice oder auch den Beastie Boys hat Eminem seine Reime tatsächlich von den Straßen der Schwarzen-Ghettos gekratzt - Homophobie, Sexismus und Ehrpusseligkeit inbegriffen. Dass er unlängst wegen bewaffneten Angriffs auf einen Konkurrenten in echten Handschellen dem Haftrichter vorgeführt wurde, unterstreicht bloß ein weiteres Mal: Es ist das Leben, das hier die Kunst beglaubigt, nicht umgekehrt.

Was aber lizenziert den Hass? Zunächst das soziale Drama, das hinter dem Doku-Soap-Charakter der Eminem Show sichtbar wird. Die Musik- und Zeitgeistmagazine haben sie wieder und wieder erzählt, die Geschichte von der Wohnwagensiedlung, in der dieser Sohn Amerikas den größten Teil seiner Jugend zubringen musste, zwischen rauchenden Mülleimern, Ratten und Drogen. Poor White Trash nennt man in den USA die armen Weißen am Rand der Gesellschaft, und das ist wörtlich zu nehmen. Wer so weit gesunken ist, dem bleibt meist kein anderes Produktionsmittel als das Mundwerk. So eben auch Eminem: Soziale Deklassierung kehrt wieder als plebejische Rache, als Angriff der Straßenmentalität auf die Majoritätskultur.

Dahinter zeichnet sich ein familiäres Drama ab. Der Vater, der den Helden schon in frühester Jugend allein ließ, die Mutter, der er in Hassliebe (mit größeren Anteilen von Hass, versteht sich) verbunden ist, die Ehefrau Kimberley, mit der er eine Tochter zeugte und selbst eine Familie zu gründen versuchte - auch dieses Personal kennt man aus der Berichterstattung. In einem ganz unmetaphorischen Sinn ist Marshall Mathers ein verlorener Sohn. Er sucht die heile Welt der anderen als gekränktes Kind heim, das nie die Liebe und Aufmerksamkeit erfahren hat, die es sich wünschte. Erstaunlicherweise erweist er sich damit noch in der äußersten Negation als Anhänger amerikanischer family values - mit dem Unterschied, dass er zerstören muss, was er nicht hat.

Es ist also die doppelte Wut eines Außenseiters, die hier zur Sprache findet, eine Wut, die autotherapeutische Züge trägt und offenkundig viele anspricht: Vom Staat vergessen, von der Mutter vernachlässigt, in der Schule gehänselt, von Stärkeren drangsaliert und Lehrern gedemütigt, kommt dieses "Früchtchen des Zorns" (taz) als Rächer und Rattenfänger zugleich. Über 25 Millionen verkaufte Platten bislang - das garantiert, dass auch in Zukunft keiner an Eminem vorbeikommt. Und zeigt, dass die Frage, was Kunst darf, ob das alles noch schön ist und wirklich sein muss, falsch gestellt ist. Weiter führt die Frage, wieso ausgerechnet ein verbaler Amokläufer das größte Massenidol seit Elvis Presley darstellt.

Eine mögliche Antwort liegt im Zielgruppenkalkül. Die Schwarzen kaufen Eminems Platten, weil er die Codes der Rap-Kultur - mit ein wenig Hilfe des Produzenten Dr. Dre - für die weiße Mehrheitskultur salonfähig gemacht hat. Die weißen Absteiger - von denen es immer mehr gibt im Amerika George W. Bushs - kaufen seine Platten, weil sie wissen, dass sie auf der sozialen Werteskala selbst als white niggers dastehen. Zum Superstar wird Eminem aber erst dadurch, dass er den Konfliktlagen aller Arten von Jugendlichen eine Projektionsfläche bietet. Als Universalhasser ist er ein Rollenmodell für Gekränkte, als ebenso kitzlige wie knuddelige Variante des Bösen treibt er den Generationskonflikt ein letztes Mal voran. Zieht man für einen Moment all die Macho- und Gangster-Posen von der Figur ab, schaut einem genau jene Art von Käsegesicht mit Kampffrisur entgegen, wie es längst auch die Jugendzimmer des Mittelstands bevölkert.

"I could be one of your kids", sieht Eminem selbst, und blafft hinterher: "HipHop is never a problem in Harlem, only in Boston". Auch als Entlarver bürgerlicher Doppelmoral ist er ein selten versierter Meister. Er kennt seine Intimfeinde von den Frauenverbänden, die Mittelstandssöhnchen von der Political-Correctness-Front und weiß, dass mit zweierlei Maß gemessen wird, wenn Sexismus und Gewalt im Rap erst mit dem Erreichen der weißen Vorstädte zum Thema wird. Er hat verstanden, dass Klappern zum Geschäft gehört und in der Mediengesellschaft auf Dauer nur besteht, wer mit allen Wassern gewaschen ist. Vor allem weiß er, was das Amerika der Frommen und Erwachsenen zuverlässig auf die Palme bringt. Der Osama-bin-Laden-Bart, mit dem er im Video zu seiner neuen Single Without Me auftritt - Britney Spears hätte das nicht gebracht! Wahr ist aber auch, dass das provokante Spiel mit dem Thrill klammheimlich von der Angst lebt, Albträume könnten wahr werden. Von einer Zombiearmee rappt er in einem Titel: lauter Klone seiner selbst, im Ansturm auf die Bastionen des Lieblingsfeinds. Eminems düstere Verse lassen sich wie Horrorfilme genießen. Nachts auf der Straße begegnen möchte man den Zombies lieber nicht.

 
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  • Quelle (c) DIE ZEIT 24/2002
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