Der Mann war bescheiden, gebildet, vielseitig interessiert, und Humor hatte er auch. Meist wird der italienische Renaissancephilosoph Niccolò Machiavelli ausschließlich als bösartiger politischer Ränkeschmied gesehen und seine 1513 geschriebe Abhandlung Il Principe (Der Fürst) als Anstiftung zur Gewaltherrschaft interpretiert. Dabei ging es dem humanistischen Universalgelehrten einfach nur um eine möglichst illusionslose Darstellung des politischen Kräftespiels - und die ist nach wie vor aktuell.

Der liberale Parteivorsitzende Guido Westerwelle zum Beispiel hat selbst exerziert, was Machiavelli schon vor knapp 500 Jahren dem politischen Spitzenpersonal ins Stammbuch geschrieben hat: "Ohne Zweifel macht die Überwindung von Schwierigkeiten einen Fürsten groß, weshalb denn auch das Schicksal, besonders wenn es einen neuen Fürsten groß machen will, ihm Feinde erweckt und diese zu Anschlägen gegen ihn veranlasst, damit er sie überwinde und auf der Leiter noch höher steige."

Westerwelle weiß aus seinen vielfältigen Erfahrungen mit Jürgen Möllemann, dass dieser Mechanismus funktioniert. Gesucht hat er den Konflikt mit seinem Stellvertreter wohl nicht, als er den Parteivorsitz im Mai 2001 übernahm. Doch dann hat Westerwelle gleich das erste Duell mit dem 16 Jahre älteren Münsteraner für sich entschieden, was ihm vor allem bei den Älteren in der FDP besonders viel Respekt verschaffte.

Was war damals geschehen? Möllemann hatte auf dem Parteitag mit einer flammenden Rede die Aufstellung eines eigenen Kanzlerkandidaten gefordert - und bei den Delegierten Begeisterungsstürme ausgelöst. Allen war klar, dass er den Posten selbst besetzen wollte. Doch Westerwelle hielt dagegen: "Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt's einen, der die Sache regelt - und das bin ich." Aus der K-Frage war eine Machtfrage geworden, und der Parteitag folgte dem neuen Vorsitzenden.

Fortan erklärte Westerwelle: "Es war ein Riesenglück für mich, dass mir diese Kraftprobe mit Möllemann so schnell aufgezwungen wurde - meinen Führungsanspruch brauchte ich danach nicht mehr zu beweisen." Die Erleichterung war ihm noch Monate später anzumerken. Und der Parteichef legte nach. Zur Überraschung aller ernannte er seinen Vize zum innenpolitischen Sprecher. Möllemann blieb keine große Wahl: entweder den ungeliebten Job übernehmen oder leer ausgehen.

Es war von Anfang an ein undankbarer Posten für den geltungssüchtigen Nordrhein-Westfalen. Möllemann wusste wenig über die Innenpolitik, und schon damals stand fest, dass sich im Wahlkampf 2002 erfahrene Gegner wie Bundesinnenminister Otto Schily (SPD) und Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU) gegenüberstehen würden. Die Chance, sich neben diesen Schwergewichten zu profilieren, war gering. Auf die Frage, ob Westerwelle inzwischen Machiavelli besser beherrsche als Möllemann selbst, antwortete Letzterer verzweifelt-ironisch: "Dafür haben wir ihn ja gewählt."

Vom Lächler zur Lachfigur