Auf der Terrasse des King-David-Hotels in Jerusalem sitzt Guido Westerwelle. Am Morgen hat der FDP-Chef seinen Besuch beim Staatspräsidenten und in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem absolviert. Die Anspannung seiner ersten israelischen Stunden ist für einen Moment von ihm abgefallen. Es entfaltet sich das typische Westerwelle-Selbstbewusstsein, wie immer so demonstrativ, dass man sich zweifelnd fragt, wie viel Selbstbewusstsein da eigentlich dahintersteckt. Und wie des Öfteren, wenn der FDP-Chef sich als Mann der Zukunft dastellt, tut er das, indem er einen anderen als Mann von gestern präsentiert: Joschka Fischer, den grünen Außenminister. Der sei doch inzwischen auch schon "fast sechzig", zelebriert der Vierzigjährige den effektvoll vergrößerten Generationsunterschied. Dass die Wähler im Herbst Rot-Grün zur Episode erklären werden, ist für Westerwelle eine klare Sache. Und dass Joschka Fischer dann seine politische Karriere hinter sich hat, darin liegt für den Liberalen eine ganz besondere Genugtuung.

Die spezifische Art der Wertschätzung ist wechselseitig. Zwei Tage nach Westerwelle, nur ein paar Stühle weiter, sitzt der Außenminister auf der Hotelterrasse. Seine ersten Gespräche hat er hinter sich, und wie zuvor dem FDP-Chef fällt es ihm schwer, sich ganz auf den Nahen Osten zu konzentrieren. Unweigerlich kommt das Gespräch auf die deutsche Innenpolitik, den Wahlkampf und das Hoch der Liberalen, von dem man nicht weiß, ob es den Antisemitismusstreit der letzten Wochen überdauern wird. Auch Fischer sieht in Westerwelle den Vertreter einer anderen Generation. Nur übersetzt er in diesem besonderen Fall Jugend nicht mit Zukunft, sondern einfach nur mit Überforderung, mit Unerfahrenheit und Ansprüchen, die von lächerlichem Größenwahn zeugen. "Kanzlerkandidat Westerwelle? Wer bringt dem Guido endlich mal einen Lutscher?", höhnt der Außenminister.

Die Häme hat Tradition. Seit Guido Westerwelle 1995 die bundespolitische Bühne betrat, geriet der neue FDP-Generalsekretär zum bevorzugten Objekt von Fischers Spott. Doch der Liberale steckte das mit einer enormen Frustrationstoleranz weg. Ohnehin dem PR-Glauben verfallen, dass negative Schlagzeilen immer noch besser als gar keine sind, nahm er Fischers Hohn- und Spottgesänge als boshafte Würdigung seines politischen Talentes. Zu Recht. Denn Fischer nimmt Dilettanten, die ihm nicht gefährlich werden können, gar nicht wahr. Wem er dagegen seine Verachtung so deutlich zeigt wie Westerwelle, der darf sich auf seine politischen Talente schon etwas einbilden. Der hessische Ministerpräsident Roland Koch ist der andere Erfolgreiche, den Fischer als unerfahrenen CDU-Fraktionschef in Wiesbaden schonungslos dem allgemeinen Gelächter preisgab.

Radikal und penetrant

Doch wie seinerzeit Koch, so nahm auch Westerwelle die Herausforderung an. Noch in der Endphase der Regierung Kohl gelang es dem Aufsteiger, der ausgelaugten FDP das Image einer schonungslos neoliberalen Reformpartei zu verpassen. Die Auseinandersetzung mit Fischer stilisierte der Liberale alsbald zum Generationskonflikt zwischen den vermeintlich ideologiestarren, staatsfixierten Grünen und einer ideologiefreien, pragmatischen, auf Selbstverantwortung des Einzelnen zielenden FDP. Die würde fortan, so Westerwelles unentwegte Propaganda, den Nerv der Zeit treffen und vor allem in den Reihen der Jugend Zustimmung finden. Fischers Grüne hingegen säßen in der Generationenfalle der Achtundsechziger fest. Westerwelle machte Wirbel, und oft war es gerade sein ungebremster Hang zu schriller PR, der sein programmatisches Anliegen ins Unernste und Unglaubwürdige rückte. Dennoch gelang es ihm gerade mit der schlichten Radikalität seiner Erneuerungsformeln und der Penetranz, mit der er sie unentwegt zum Besten gab, die FDP seinerzeit als Wortführerin in der neoliberalen Standortdebatte zu etablieren. Selbst Fischer hat das damals nicht unbeeindruckt gelassen. Umso deutlicher brandmarkte er den Generalsekretär der FDP als Vertreter eines "eiskalten Neoliberalismus" amerikanischer Provenienz, der zu dramatischen gesellschaftlichen Verwerfungen führen werde.

Doch Fischer schaffte den Sprung an die Macht, während Westerwelle noch weitere zwei Jahre eine Niederlage nach der anderen als Vorboten liberaler Wiedergeburt verkaufen musste. Vielleicht wird es sich einmal als sein größtes politisches Unglück erweisen, dass ausgerechnet der fulminante Erfolg Jürgen Möllemanns im Mai 2000 die Trendwende für die Liberalen einleitete. Seither ist in der FDP nichts mehr wie zuvor. Westerwelle hat das als seine Chance begriffen. Dass ihn der Aufstieg einmal überfordern könnte, hält er wahrscheinlich bis heute für kleinmütiges Räsonnement.

"Welches Land wollen wir?" - Wie 1998, so sind es auch heute die Vorstellungen von Guido Westerwelle, an denen Fischer eine grundlegende Richtungsentscheidung festmacht. Doch während es sich bei dem Gespenst des Neoliberalismus, das Fischer vor vier Jahren wortgewaltig durch den Wahlkampf trieb, selbst um ein Meisterstück linker Propaganda handelte, berühren die jüngsten liberalen Eskapaden wirklich das Selbstverständnis der Republik: Plötzlich propagiert eine erfolgsberauschte FDP den Tabubruch als Strategie, liebäugelt mit rechtspopulistischen Tendenzen, experimentiert mit antisemitischen Ressentiments und pflegt ein Liberalismusverständnis, das jede Form politischer Überzeugung unter Ideologieverdacht stellt. Politische Moral erscheint nur noch als Zwangsinstrument einer überkommenen Political Correctness. Doch damit hat Westerwelles Partei eine Grenzlinie überschritten, die sich weder mit demonstrativem Spaßgehabe noch mit der als Emanzipation gefeierten neuliberalen Unverschämtheit auflösen lässt.