S T A M M B U C H Was sieht dieser Mann?

Mehr als die meisten Schriftsteller, wenn sie auf ihre Heimat blicken. Demnächst kommt sein Buch, das die USA erschütterte, auf Deutsch heraus. Ein Bürobesuch bei Jonathan Franzen

Wofür oder wogegen eigentlich? Die Korrekturen, wie die deutsche Übersetzung heißen wird, ist ein Roman über eine Familie im Mittleren Westen, die Lamberts. Alfred, ihr Patriarch, ein pensionierter Ingenieur, stirbt allmählich an einer Alzheimer-ähnlichen Krankheit. Seine Frau Enid schwankt zwischen aufopfernder Hingabe an ihren Mann und ihre erwachsenen Kinder und hoffnungsloser Enttäuschung. Im Leben der Kinder erkennt man sofort typische amerikanische Gegenwartserfahrungen: Erfolg, Scheitern, Neurose, Depression, Spaß, Sucht, Vereinsamung und Verzweiflung. Und Liebe, deren Abwesenheit schmerzhaft empfunden wird, deren Anwesenheit oft hinter einer aufwändigen Fassade von Gleichgültigkeit verborgen wird wie ein Bluterguss unter einer ornamentalen Tätowierung. Im Verlauf des Buchs scheint diese Familie zu zerfallen, um dann wieder zusammenzufinden. Ihre Mitglieder sind entweder unfähig zur Kommunikation, oder aber sie sehen einander unvermutet in neuem Licht. Ein letztes gemeinsames Weihnachtsessen scheint ein unerreichbares Ziel zu sein, ein Hindernis des Glücks eher als sein Symbol.

Zwei seiner früheren Romane behandelten große gesellschaftliche Themen, Terrorismus und andere Bedrohungen der Menschheit. Sie lösten keine besonderen Kontroversen aus. In einem viel diskutierten Essay in der Zeitschrift Harper's schrieb Franzen 1996 sogar, er sei von ihrer schwachen Resonanz so enttäuscht gewesen, dass er den Glauben verloren habe, je einen wirklich wichtigen Roman zu schreiben. Als der 42-Jährige jedoch (knapp zehn Jahre nach dem ersten Entwurf der Corrections ) die Geschichte der Familie Lambert vorlegte, löste sie bei der lesenden Öffentlichkeit eine Aufregung aus, die wir sonst Dingen vorbehalten, die die Macht haben, unser Leben zu verändern.

Doch genauso leidenschaftlich waren die negativen Reaktionen. Es war wie bei einem Konzert, nach dem die eine Hälfte des Publikums den Dirigenten ausbuht und die andere sich zu Ovationen erhebt. Der New Yorker Dramatiker Donald Margulies erinnert sich an die Rezeption des Buches so: »Eswurde auf Dinners an der Ostküste intensiv diskutiert. Ich habe es mit solcher Begeisterung gelesen, dass mich die Heftigkeit mancher Reaktionen überrascht hat. Der häufigste Kritikpunkt lautet, Franzen habe für die älteren Lamberts nur Verachtung übrig, aber das finde ich nicht. Ich finde, er porträtiert sie mit ungeheurem Mitgefühl. Ich glaube, die Leute, die am meisten gegen diese Charakterisierungen haben, bringen nur das eigene Unbehagen an ihren schwächer werdenden Eltern zum Ausdruck.«

Alfred, Enid, Chip, Gary und Denise sind in Amerika zu bekannten Figuren geworden, wie das sonst nur bei Fernsehserien gelingt. Es ist Teil des Lesevergnügens, dass wir uns ihnen nahe fühlen dürfen, egal, ob uns gefällt, was sie tun, oder nicht. Wie auf einer riesigen Leinwand malt Franzen ein komplexes Bild des Lebens, und nach über 700 Seiten schließt man das Buch mit dem Gefühl, es sei in einer schnellen Bildfolge an einem vorbeigezogen, fast so, als sei es das eigene. Ich wollte den Schriftsteller kennen lernen, der so etwas kann.

Glückliche Kindheit, tragische Geschichten

»Ich warte unten auf Sie«, hatte mir Jonathan Franzen vor dem Treffen am Telefon erklärt. »Es ist ein großes gelbes Gebäude. Ohne Sprechanlage.« Wie Bill Clinton hat er ein Büro in Harlem, ein geräumiges Loft. Ich fahre mit einem Taxi hin, ohne zu ahnen, dass ich später keines finden werde, das mich nach midtown zurückbringt. Offenbar fühlen sich Taxifahrer in dieser Gegend noch immer nicht besonders wohl. Ein Mann kommt aus dem Haus und hält mir die Tür auf. Er weiß, »oben gibt es einen Franzen«. Doch der ist noch nicht da, und ich stehe allein in einer riesigen Empfangshalle mit so vielen dunklen Ecken, dass ich nervös werde. Ich finde einen Münzfernsprecher, wähle seine Nummer, komme aber nicht durch und bin mein einziges 25-Cent-Stück los. Von draußen dringt der Lärm von der 125. Straße, drinnen herrscht eine unheimliche, nachhallende Stille. Ich weiß nicht einmal, ob ich hier richtig bin, obwohl mir eindeutig der Bäckereiduft in die Nase steigt, den Franzen erwähnt hatte. Nach ein paar Momenten folge ich meinem Instinkt, der mir sagt, menschenleere Orte besser zu meiden. Ich fliehe in einen winzigen, hektischen Schönheitssalon nebenan und unterhalte mich mit den freundlichen Frauen darüber, ob ich hier richtig bin. Am liebsten würde ich einfach sitzen bleiben und mir die Fingernägel machen lassen.

Aber ich gehe zurück, und bald taucht Jonathan Franzen auf, groß, schlank, höflich, sehr angenehm, dabei aber doch spürbar genervt: schon wieder ein Interview, schon wieder eine Störung. Später wird mir klar, dass unser Gespräch vielleicht eine willkommene Ablenkung war: Er zeigt mir eine halbe Seite eines neuen Romans, das Ergebnis vieler Arbeitsstunden (er versucht, sechs Stunden am Tag zu arbeiten, Montag bis Freitag), und erklärt, es sei »absolut fürchterlich, unbrauchbar«. Er hat auch stundenlang am Computer seines Büromitbewohners Freecell gespielt. Er teilt sich das Loft mit Chris Romer, einem Bildhauer. Überall stehen seine Skulpturen, beeindruckend groß und bunt beherrschen sie das Loft. Franzens Büro dagegen ist schlicht und schmucklos.

Als Erstes fällt seine Ernsthaftigkeit auf, selbst wenn er komisch ist, und das ist er oft. Er bemüht sich hartnäckig um die wahrhaftigste und lückenloseste Antwort auf jede Frage und zeigt großes Verständnis für seine Interviewerin, die zu schnell zu viel wissen will. Er ist erst 42 und hat noch keine Kinder, aber plötzlich schießt mir durch den Kopf, dass ein Mann mit seiner Geduld, mit seiner Bereitschaft, Dinge zu erklären und in einen Zusammenhang zu bringen, irgendwann einen wunderbaren Großvater abgeben würde. Franzen redet nicht in Schlagworten; im Gespräch beweist er dieselbe Gründlichkeit wie in seinem Roman.

Sein eigenes Leben ist fest in einer glücklichen Kindheit verwurzelt, sagt er, mit liebevollen Eltern und guten Freunden. »Gerade weil dort alles stimmt, kann ich hier in diesem Büro die schlimmsten Sachen an mich heranlassen, Sachen, die sonst nicht auszuhalten wären.« Ein Schriftsteller erfindet, sagt er voller Leidenschaft, »weil es nichts, überhaupt nichts bedeutet, ein Spiegel der Gesellschaft zu sein. Tut mir leid, aber ich bin kein Reflektionselement.«

Aber ist der Roman denn nicht Spiegel seiner eigenen Erfahrungen? In dem Buch gibt es einen Jungen namens Jonah, Alfreds Enkel. Er liest Bücher, denkt über sie nach und redet wie ein weiser Erwachsener. Franzen wuchs im Mittleren Westen als Jüngster von drei Söhnen auf, seine beiden Brüder waren neun und zwölf Jahre älter als er. »Als ich acht war, waren sie ausgezogen, also verbrachte ich viel Zeit mit meinen Eltern, ihren Freunden und deren Eltern, die alle noch im 19. Jahrhundert geboren waren. Das Haus war sehr still. Ich hatte eine unglaublich lange Aufmerksamkeitsspanne, weil ich wegen meiner Eltern drei oder vier Stunden lang leise sein musste. Ich habe dann einfach ein Buch gelesen. Eine meiner Tanten erzählt, dass ich unerträglich altklug war. Mein ältester Freund, den ich jetzt seit 37 Jahren kenne, kann sich erinnern, dass ich im Kindergarten mal gesagt habe: 'Ich ziehe es vor, nicht zu spielen.'« Er seufzt: »Ich weiß nicht, was da los war - es war eine seltsame Kindheit. Sehr liebevolle Eltern, aber insgesamt eine ziemlich einsame Zeit.«

Im Zusammenhang mit seinen Eltern fällt oft und fast defensiv das Wort »liebevoll«, und als ich ihn danach fragen will, klingelt das Telefon. Jonathan entschuldigt sich und hört offenbar gute Nachrichten, jedenfalls strahlt er und sagt: »Dankeschön. Ausgezeichnet! Ich komme bald vorbei und umarme dich.« Gegen Ende des Interviews gesteht er, dass es sein PR-Mann war, der ihm gesagt hat, dass sein Buch (das im Herbst wochenlang Nummer eins der New York Times -Bestsellerliste war) wieder ein paar Plätze aufgestiegen sei. »Sie werden über eine Million davon verkaufen. Erstaunlich. Es ist ja kein leichtes Buch.«

Worüber hatten wir uns vor dem Anruf unterhalten? »Liebevoll«, hilft er mir. »Sie haben das Wort 'liebevoll' aufgegriffen, weil es Ihnen irgendwie aufgefallen ist, im Zusammenhang mit meinen Eltern.«

Ich erwähne ein anderes Interview (eines der wenigen, mit denen er richtig zufrieden ist), in dem er gesagt hat, er habe mit seiner Mutter jahrelang nicht reden können. »Ja«, sagt er schlicht. »So ist das oft, wenn jemand ein bisschen zu liebevoll ist.« Auf erdrückende Weise? »Ja, meine Mutter war manchmal etwas anstrengend. Sie hatte viel überschüssige Energie und konzentrierte sich zu sehr auf ihre Kinder und wohl besonders auf mich.« Hat sie erwartet, dass er Schriftsteller würde? »Nein«, sagt er bestimmt. »Sie war strikt gegen das Schreiben. Ich glaube, hauptsächlich aus moralischen Gründen. Sie sagte oft: Literatur ist Lüge. Sie war auch keine große Leserin, und in unserer Familie hatte es noch nie Schriftsteller gegeben.«

Die Stille seines Elternhauses war trügerisch, denn in Wahrheit lebten sie in hektischen Zeiten. »Das waren die Sechziger und frühen Siebziger, sehr stürmische Jahre. Mein Vater war gegen den Vietnamkrieg und hat sich durch seinen Pazifismus isoliert, selbst unter seinen Bekannten. Auch meine Brüder gingen in den Sechzigern auf. Der Mittlere von uns war ein Hippie. Es gab erbitterte Auseinandersetzungen und oft völliges Unverständnis zwischen meinen Brüdern und meinen Eltern. An Konflikte gewöhnte ich mich unter anderem dadurch, dass ich diese Spaltung zu Hause beobachtete und für das Altmodische dieselbe Sympathie hatte wie für das Neue.«

In einer demnächst in Amerika erscheinenden Sammlung seiner Essays, How To Be Alone , gibt es einen bewegenden Text mit dem Titel Das Gehirn meines Vaters. Er beginnt mit der Schilderung, wie Jonathan zum Valentinstag ein Päckchen von seiner Mutter bekommt, das neben der üblichen Schokolade die Kopie des Befunds eines Neuropathologen über die Hirnautopsie seines Vaters enthält. In dem Essay beschreibt er, wie zuvor Alzheimer diagnostiziert worden war, was der Vater und die Familie nach langer Zeit mutig akzeptierten. Nach dem Tod des Vaters kommt sein Sohn zu der Einsicht: »Es würde keine neuen Erinnerungen an ihn geben. Von nun an konnten wir uns nur noch die Geschichten erzählen, die wir schon hatten.«

Diese Erkenntnis ist vielleicht der Schlüssel zu der Eindringlichkeit und vielleicht auch der Existenz der Korrekturen . Als ich Franzen nach dem Augenblick frage, in dem er erstmals gespürt habe, dass sein Roman zum Leben erwachte, zählt er mehrere Faktoren auf: »Ich hatte gerade DeLillos Unterwelt gelesen, und ich hatte endlich das Rauchen aufgegeben. Das schwere Jahr nach dem Tod meines Vaters lag gerade hinter mir, und meine Scheidung war durch. Ich schrieb ungefähr eine Seite am Tag, nicht unbedingt in der späteren Reihenfolge. Ich arbeitete gerade an der Szene am Esstisch. Eine von vorn bis hinten erfundene Szene, nichts passierte, aber ich spürte, dieses Ding passiert wirklich. Und die Sprache hatte etwas, das sich von allem unterschied, was ich bis dahin geschrieben hatte. Keine Ahnung, wo das herkam, aber die Vorstellung, dass ich einfach einen Jungen nehmen konnte, der am Tisch saß und auf sein Essen starrte, statt die Welt retten zu müssen - da wusste ich, dass ich mich freigeschwommen hatte.«

Das Gefühl, dass wieder etwas Schlimmes passieren wird

Der Roman wurde am 10. September veröffentlicht, und ich möchte wissen, ob er das Gefühl habe, er sei irgendwie überholt, weil er in einer unschuldigeren Zeit spiele. Er verneint: »Das Buch verrät eine gewisse Ungeduld seitens des Autors: Kommt es eigentlich nie zu diesem apokalyptischen Niedergang? Ich beschäftige mich seit 20 Jahren mit diesem Thema. Und was den angeblichen Verlust von Amerikas Unschuld nach dem 11. September angeht ...« Er stockt und wartet, dass ein besonders lauter Verkehrslärm unten auf der Straße abklingt. Dann sagt er leise: »... vielleicht war es eher der Verlust einer Unwissenheit. Das Buch ist sehr stark aus einem Gefühl heraus entstanden, dass etwas Schlimmes passieren wird, dass etwas Entsetzliches passieren wird. Und jetzt ist etwas Entsetzliches passiert, aber ich glaube, es war noch gar nichts im Vergleich zu dem, was uns bevorsteht.«

Das sind dramatische Worte, aber als ich das stille Gebäude verlasse und an dem immer noch hektischen Schönheitssalon vorbeigehe, habe ich sie schon fast vergessen. Stattdessen klingt mir noch im Kopf, wie er das Vergnügen an seiner Arbeit beschrieben hat: »Das ist für mich einfach das beste Leben. Es ist ganz wie meine Kindheit.«

* Jonathan Franzens Roman »Die Korrekturen« (Deutsch von Bettina Abarbanell) erscheint am 28. Juni im Rowohlt Verlag, 736 S., 25,60 Euro

 
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