Wofür oder wogegen eigentlich? Die Korrekturen, wie die deutsche Übersetzung heißen wird, ist ein Roman über eine Familie im Mittleren Westen, die Lamberts. Alfred, ihr Patriarch, ein pensionierter Ingenieur, stirbt allmählich an einer Alzheimer-ähnlichen Krankheit. Seine Frau Enid schwankt zwischen aufopfernder Hingabe an ihren Mann und ihre erwachsenen Kinder und hoffnungsloser Enttäuschung. Im Leben der Kinder erkennt man sofort typische amerikanische Gegenwartserfahrungen: Erfolg, Scheitern, Neurose, Depression, Spaß, Sucht, Vereinsamung und Verzweiflung. Und Liebe, deren Abwesenheit schmerzhaft empfunden wird, deren Anwesenheit oft hinter einer aufwändigen Fassade von Gleichgültigkeit verborgen wird wie ein Bluterguss unter einer ornamentalen Tätowierung. Im Verlauf des Buchs scheint diese Familie zu zerfallen, um dann wieder zusammenzufinden. Ihre Mitglieder sind entweder unfähig zur Kommunikation, oder aber sie sehen einander unvermutet in neuem Licht. Ein letztes gemeinsames Weihnachtsessen scheint ein unerreichbares Ziel zu sein, ein Hindernis des Glücks eher als sein Symbol.

Zwei seiner früheren Romane behandelten große gesellschaftliche Themen, Terrorismus und andere Bedrohungen der Menschheit. Sie lösten keine besonderen Kontroversen aus. In einem viel diskutierten Essay in der Zeitschrift Harper's schrieb Franzen 1996 sogar, er sei von ihrer schwachen Resonanz so enttäuscht gewesen, dass er den Glauben verloren habe, je einen wirklich wichtigen Roman zu schreiben. Als der 42-Jährige jedoch (knapp zehn Jahre nach dem ersten Entwurf der Corrections ) die Geschichte der Familie Lambert vorlegte, löste sie bei der lesenden Öffentlichkeit eine Aufregung aus, die wir sonst Dingen vorbehalten, die die Macht haben, unser Leben zu verändern.

Doch genauso leidenschaftlich waren die negativen Reaktionen. Es war wie bei einem Konzert, nach dem die eine Hälfte des Publikums den Dirigenten ausbuht und die andere sich zu Ovationen erhebt. Der New Yorker Dramatiker Donald Margulies erinnert sich an die Rezeption des Buches so: "Eswurde auf Dinners an der Ostküste intensiv diskutiert. Ich habe es mit solcher Begeisterung gelesen, dass mich die Heftigkeit mancher Reaktionen überrascht hat. Der häufigste Kritikpunkt lautet, Franzen habe für die älteren Lamberts nur Verachtung übrig, aber das finde ich nicht. Ich finde, er porträtiert sie mit ungeheurem Mitgefühl. Ich glaube, die Leute, die am meisten gegen diese Charakterisierungen haben, bringen nur das eigene Unbehagen an ihren schwächer werdenden Eltern zum Ausdruck."

Alfred, Enid, Chip, Gary und Denise sind in Amerika zu bekannten Figuren geworden, wie das sonst nur bei Fernsehserien gelingt. Es ist Teil des Lesevergnügens, dass wir uns ihnen nahe fühlen dürfen, egal, ob uns gefällt, was sie tun, oder nicht. Wie auf einer riesigen Leinwand malt Franzen ein komplexes Bild des Lebens, und nach über 700 Seiten schließt man das Buch mit dem Gefühl, es sei in einer schnellen Bildfolge an einem vorbeigezogen, fast so, als sei es das eigene. Ich wollte den Schriftsteller kennen lernen, der so etwas kann.

Glückliche Kindheit, tragische Geschichten

"Ich warte unten auf Sie", hatte mir Jonathan Franzen vor dem Treffen am Telefon erklärt. "Es ist ein großes gelbes Gebäude. Ohne Sprechanlage." Wie Bill Clinton hat er ein Büro in Harlem, ein geräumiges Loft. Ich fahre mit einem Taxi hin, ohne zu ahnen, dass ich später keines finden werde, das mich nach midtown zurückbringt. Offenbar fühlen sich Taxifahrer in dieser Gegend noch immer nicht besonders wohl. Ein Mann kommt aus dem Haus und hält mir die Tür auf. Er weiß, "oben gibt es einen Franzen". Doch der ist noch nicht da, und ich stehe allein in einer riesigen Empfangshalle mit so vielen dunklen Ecken, dass ich nervös werde. Ich finde einen Münzfernsprecher, wähle seine Nummer, komme aber nicht durch und bin mein einziges 25-Cent-Stück los. Von draußen dringt der Lärm von der 125. Straße, drinnen herrscht eine unheimliche, nachhallende Stille. Ich weiß nicht einmal, ob ich hier richtig bin, obwohl mir eindeutig der Bäckereiduft in die Nase steigt, den Franzen erwähnt hatte. Nach ein paar Momenten folge ich meinem Instinkt, der mir sagt, menschenleere Orte besser zu meiden. Ich fliehe in einen winzigen, hektischen Schönheitssalon nebenan und unterhalte mich mit den freundlichen Frauen darüber, ob ich hier richtig bin. Am liebsten würde ich einfach sitzen bleiben und mir die Fingernägel machen lassen.

Aber ich gehe zurück, und bald taucht Jonathan Franzen auf, groß, schlank, höflich, sehr angenehm, dabei aber doch spürbar genervt: schon wieder ein Interview, schon wieder eine Störung. Später wird mir klar, dass unser Gespräch vielleicht eine willkommene Ablenkung war: Er zeigt mir eine halbe Seite eines neuen Romans, das Ergebnis vieler Arbeitsstunden (er versucht, sechs Stunden am Tag zu arbeiten, Montag bis Freitag), und erklärt, es sei "absolut fürchterlich, unbrauchbar". Er hat auch stundenlang am Computer seines Büromitbewohners Freecell gespielt. Er teilt sich das Loft mit Chris Romer, einem Bildhauer. Überall stehen seine Skulpturen, beeindruckend groß und bunt beherrschen sie das Loft. Franzens Büro dagegen ist schlicht und schmucklos.