DIE ZEIT: Begünstigt Bildung die Gleichheit der Menschen?

Anthony Giddens: Bildung hat eine komplizierte Beziehung zur Gleichheit. Oft besteht die Beziehung darin, dass Bildung die Ungleichheit fortsetzt oder sogar vertieft.

ZEIT: : Also das Gegenteil vom angestrebten Ziel erreicht?

Giddens: : Bildung kann durchaus Ungleichheit verringern, vor allem bei Randgruppen oder bei Kindern aus bildungsfernen Schichten. Gleichzeitig aber reproduziert oder verstärkt Bildung die schon bestehende Ungleichheit in der Gesellschaft. Ich sage deshalb: Ungleichheit muss auch mit anderen Waffen, mit politischen Entscheidungen zum Beispiel, attackiert werden.

ZEIT: : Bildung ist also nicht der große Gleichmacher, wie viele glauben?

Giddens: : Immer mehr Menschen kommen in den Genuss von Bildung, und doch reißt diese neue Gräben auf. Am unteren Ende heißt das: Wer keine vernünftige Ausbildung erworben hat, wird nur schwer einen vernünftigen Job finden. Und am oberen Ende: Die Universitätsausbildung vergrößert die Kluft zwischen jenen, die sie haben, und jenen, die sie nicht haben. Und diese Kluft ist tiefer als früher.

ZEIT: : Warum verschärfen sich die Unterschiede?