Jetzt lässt Grindel die politische Berichterstattung von den europäischen Gipfeln ruhen und durchpflügt stattdessen das norddeutsche Flachland. Mit seinem Arbeitgeber hat er sich darauf verständigt, während der Vorwahlkampfzeit nur noch unverfängliche Themen in Angriff zu nehmen: zum Beispiel das niederländische Königshaus. Um die politischen Stücke kümmern sich einstweilen die Kollegen in Brüssel. Die letzten Monate vor der Bundestagswahl wird ihr Studioleiter im unbezahlten Urlaub verbringen. Ein Urlaub im klassischen Sinne wird das natürlich nicht. Dafür aber ein radikaler Rollenwechsel.

30 000 Kilometer hat Grindel bereits jetzt im Auto zurückgelegt, seit eine Versammlung von fast tausend CDU-Mitgliedern ihn im September vergangenen Jahres nominiert hat und ihn dabei drei lokalen Konkurrenten vorzog. Von Dorfkrug zu Feuerwehrgemeinschaftshaus zu Einkaufszentrum führt dieser Tage sein Weg. Der Wahlkreis ist größer als das Saarland.

"Ich mache mir keine Illusionen", sagt Grindel. "Die ersten Jahre als Abgeordneter bedeuten Wahlkreisarbeit. Basis." Sie sind gerade dabei, sich gegenseitig zu beschnuppern, er und die Basis: Dass man auf Festen durchaus trinken sollte, aber nicht zu viel, erfährt Grindel; oder dass manches Beruflich-Private, was in der Hauptstadt Berlin als harmloser Flirt durchginge, auf dem Land durchaus ein Problem sein kann, zum Beispiel wenn die Dame verheiratet ist. Die Basis hingegen nimmt zur Kenntnis, dass ihr Kandidat trotz verdächtig schicker Krawatten und gewohnheitsmäßigen Umgangs mit Politgrößen aller Parteien nicht abgehoben ist, vielmehr fleißig. Er weiß Dinge über Voll- und Halbspaltenböden für Schweineställe, über Schwachstellen der rot-grünen Legehennenverordnung oder den Unterschied zwischen gewerblichen und landwirtschaftlichen Schnapsbrennrechten, die man nur kennt, wenn man sich ordentlich vorbereitet. Mit dem gleichen Fleiß allerdings, sagt ein unterlegener Mitbewerber ein wenig bitter, habe er sich seine Mehrheit zusammentelefoniert.

Natürlich war Grindel auch, vielleicht vor allem, deshalb erfolgreich, weil die Parteifreunde in Rotenburg, in Scheeßel oder Lemförden auf seine Professionalität im Umgang mit den Medien spekulieren - ein Mann mit so viel journalistischer Erfahrung müsste doch eine CDU-günstige Berichterstattung erwirken können bei den örtlichen Pressemonopolisten, bei der Bremervörder Zeitung, der Rotenburger Kreiszeitung, der Zevener Zeitung, der Verdener Allerzeitung und den diversen Anzeigenblättern. So lautet das Kalkül. "Regional bekannt geworden ist er jedenfalls mit der Marke ZDF im Rücken", sagt der stellvertretende Landrat Reinhard Brünjes, der sich in der innerparteilichen Auswahl gegen Grindel nicht hatte durchsetzen können. Der Gegenkandidat von der SPD, der Bundestagsabgeordnete Joachim Stünker, möchte Grindels Popularität hingegen nicht überschätzt wissen. "So viele kennen den gar nicht", sagt der Sozialdemokrat, der mit dem beruflichen Hintergrund des Konkurrenten "kein Problem", also auch keine Angst davor hat.

Den Arbeitsplatz riskiert er nicht, höchstens etwas Glaubwürdigkeit

Möglicherweise wirkt Grindels mediensteuernde Erfahrung bisher sowieso eher irgendwie indirekt; ihm komme die Arbeitsweise mancher Anzeigenblätter zum Teil immer noch "ungewöhnlich" vor, sagt er. Und wie alle Bundestagsabgeordneten und -kandidaten im Lande muss er sich damit herumschlagen, dass Lokalreporter nicht gern über seine bundespolitischen Äußerungen berichten. "Der Grindel kommt bei uns kaum noch vor", sagt ein Mitarbeiter der Rotenburger Kreiszeitung am Rande eines der zahllosen Termine in der weiten, weiten Fläche.

Vielleicht wird das bald wieder anders sein. Wenn es Grindel nämlich langfristig gelingt, den für seine Partei so wichtigen Mix aus Fortschrittlichkeit und Bodenhaftung zu vermitteln. Der niedersächsische CDU-Landesvorsitzende Christian Wulff freut sich jedenfalls ausdrücklich darüber, dass es gelungen ist, jemanden von Grindels Kaliber als Seiteneinsteiger zu gewinnen.