Bei allen Unterschieden zwischen den beiden verbindet Rorty und Cavell auch dieses: der selbstbewusste Rückgriff auf die genuin amerikanische Tradition. Rortys große Helden sind die Pragmatisten James, Peirce und Dewey, Cavells immer wieder angerufene Zeugen die Transzendentalisten Ralph Waldo Emerson und Henry David Thoreau, jene eigenwilligen transatlantischen Erben der europäischen Romantik.

Neben der ordinary language philosophy in der Tradition seines Lehrers J. L. Austin und dem Transzendentalismus ist es überraschenderweise vor allem die Welt des Films, der Cavell seine Denkimpulse verdankt. Sein Werk über die romantischen Komödien der dreißiger und vierziger Jahre, Pursuits of Happiness, ist längst ein Standardtitel in den amerikanischen film studies. Es sollte unbedingt bald übersetzt werden: Cavells Philosophie ist ohne seine Liebe zu Cary Grant und Ingrid Bergman, Spencer Tracy und Katharine Hepburn, Clark Gable und Claudette Colbert, ohne die Inspiration durch Filme wie Philadelphia Story, Bringing up Baby und Woman of the Year nicht zu verstehen. Er ist ein wirklicher Pionier im Ernstnehmen der Filmkunst (nicht primär als Kunst, sondern als intellektuelles Stimulans) - ein Filmliebhaber, der es schafft, frei von Herablassung, aber auch von der heute üblichen medienphilosophischen Bedeutungshuberei den Gehalt eines Genres zu sezieren.

Cavell, unterdessen ein alter Mann von Mitte 70, ist kein Pop-Philosoph, der sich beim jungen Publikum anbiedert, sondern ein scharfsinniger Mann, der auf anregende Weise Adornos Diktum widerlegt, dass man aus dem Kino stets dümmer herauskomme: "Wenn es Ihre feste Meinung ist", hat er geschrieben, "daß prinzipiell kein Film (jedenfalls keiner aus der Ära des Hollywoodtonfilms) einem ernsthaften Vergleich mit großen Texten standhalten kann, dann ist unser Gespräch beendet, wenn es überhaupt je begonnen hat; denn ich würde diese Haltung als repräsentativ für eine spießbürgerliche Intellektualität auffassen, vollkommen ebenbürtig jenem bekannteren Leiden unserer Zeit, der spießbürgerlichen Intellektuellenfeindschaft." Leider ist in den bisher erschienenen Anthologien mit Cavell-Übersetzungen - bis auf einen Essay über die Marx Brothers - keiner jener Texte enthalten, an denen man sehen kann, wie einzigartig der Philosoph mit seinen Filmerfahrungen umgeht.

Stanley Cavell ist ein herausragender Denker der Gegenwart, weil er sich der falschen Alternative zwischen einer Rückkehr zur Metaphysik und einem radikalen Skeptizismus entzieht. Beide Bewegungen sind für ihn inakzeptabel, denn er sieht sie als ebenbürtige Bedrohungen des Alltäglichen und Gewöhnlichen, das es zu schützen gelte. Die Metaphysik überspringt es, der Skeptizismus zerfrisst es von innen her. Es ist ebendieses Ziel, das Gewöhnliche vor Metaphysik und Skeptizismus zu retten, was ihn mit den Hollywoodkomödien der dreißiger und vierziger Jahre verbündet. In einem seiner Meisterstücke, das dem deutschen Publikum bisher noch vorenthalten wird - The Uncanniness of the Ordinary - diskutiert Cavell Freuds, Wittgensteins, Heideggers und Derridas Rolle beim Versuch zur Überwindung der "Unheimlichkeit des Gewöhnlichen". Der Pokal geht freilich an keinen von ihnen.

Einen Vorschein der ersehnten Rettung findet Cavell in jenen Filmen, die er "Komödien der Wiederverheiratung" nennt - in denen Paare sich trennen oder beinahe trennen, um sich dann wieder zu finden und ihren Bund zu erneuern: "Einzig in diesem Genre wird, soweit ich weiß, das Glück der Ehe unabhängig von jedem Begriff von Häuslichkeit aufgefasst (man könnte auch sagen, die Ehe bedeute in diesem Filmen begriffloses wechselseitiges Vergnügen aneinander). Die Ehe wird hier als ein Zustand dargestellt, der nicht von der Mühe ablenkt, das Glück in einer hilflosen, abwesenden Welt zu konstruieren, sondern als Bühne, auf der die Chance auf Glück in der wechselseitigen Anerkennung von Getrenntheit liegt. Die Zukunft ist hier nicht das Verstreichen der Jahre (bis dass der Tod uns scheidet), sondern die freudige Wiederholung der Tage (bis unsere wahren Gedanken für einander unlesbar werden)."

Stanley Cavell:Die andere Stimme
Aus dem Engl. von Antje Korsmeier; Diaphanes, Berlin 2002; 308 S., 25,90 EUR