In Erwartung der documenta-Gemeinde und ihrer Neigung, etwas davonzutragen, posieren die Kleinplastiken auf dem Souvenirbord von Kassel Tourist, der frisch bezogenen Infostelle im Rathaus. Hier riecht es noch nach Farbe. Und nach der Absicht, die Stadt nicht nur via Gegenwartskunst zu verkaufen. Himmelsstürmer contra Herkules. Der einst von Jonathan Borofsky im Außenraum der documenta 9 angesiedelte Man walking to the sky prangt inzwischen auf T-Shirts. Seine Hersteller kommen gegen den Supermann der Antike semantisch jedoch nicht an. Das Wahrzeichen der ehemaligen Residenzstadt bleibt jener, der mit dem Löwen kämpfte. Die Firma Herkules Transportbeton benutzt sein Härteimage. Und im Kasseler Astronomiemuseum stemmt der Kraftprotz die Weltkugel anstelle des gewöhnlich dafür zuständigen Atlas.

Im Park Wilhelmshöhe mit dem gleichnamigen Schloss misst der Siegertyp neun Meter und schaut - als Beweis fürstlicher Fortbildung - von oben herab. Vor rund 300 Jahren bestellte Karl von Hessen-Kassel das Standbild im Sog des kulturellen Erkenntnisgewinns seiner Italienreise. Der Landgraf hat den Park, dessen Anfänge ins Mittelalter zurückreichen, erst zur Attraktion gemacht und gab ihm ein barockes Gesicht. Et in Arcadia Karl, muss er sich gedacht haben, als er mithilfe des italienischen Gartenbauprofis Giovanni Francesco Guerniero das Lebensgefühl des Südens in Hessens Norden verwurzelte.

Es wuchs ein Garten Eden mit mehr als 800 verschiedenen Gehölzarten. Herkules hat baumstarkes Gelände unter sich. Weiß-bunte Stieleichen und gelb blühende Rosskastanien, Sicheltannen und von der amerikanischen Westküste importierte Nusseiben. Wilde Blumenwiesen mit Löwenzahn und lila Klee liegen ihm zu Füßen, der Rhododendron bezirzt in scharlachroter Blüte, eine Sorte heißt Homer. Es gibt einen Schneeglöckchenbaum und einen Perückenstrauch, die Blaue Spanische Tanne und immergrüne Riesenfarne.

Heute steigen Verliebte und andere wonnetrunkene Seelen die 310 Stufen zu ihm hoch. »Ich glaub ich bin im Himmel, gez. Hühnchen Bock« ist neben herzigen Schwüren in den Stein der Pyramide geritzt, auf die Herkules seinen Fuß setzt. Die Stadtverwaltung hat dem Heroen auf einem Poster die Worte in den Mund gelegt: »Wo ich bin, ist oben - komm rauf.« Gar nicht so leicht. Denn der Park mit dem alles überragenden Koloss, der in der documenta-Stadt sinnfällig zwischen Silhouette und Firmament vermittelt, ist keine Kleinigkeit. Er schlaucht. Höllisch ist das Gefälle. Das Idyll geht in die Beine. Wadenfreundlich sind zwar die künstlich angelegten Plateaus, doch es sind zu wenige für die im alpinen Milieu kaum bewanderte Mehrheit.

Da zischt's und pischt's

»Bergpark« ist die korrekte Bezeichnung, auch wenn die Schlösserverwaltung sich lieber im »Schlosspark« ergeht. Die Hanglage ermöglichte Landgraf Karl die Erfüllung eines Traums. Seine Kapricen mündeten in außergewöhnliche Kaskaden. Angeregt von den sprühenden Spektakeln in Frascati und Tivoli, ersann er ein raffiniertes Rahmenwerk für seine feuchten Fantasien, die bis heute ohne moderne Technik ablaufen. Ursprünglich zeigte sich die Meisterleistung der Ingenieurbaukunst nur viermal im Jahr, inzwischen rauscht es zweimal die Woche. Wegen der theatralischen Wasserspiele und der Transformation des schwierigen Terrains ist der Park seit dem 18. Jahrhundert in aller Welt berühmt und scheint selbst ein einziger Kraftakt zu sein. Mit 240 Hektar im Habichtswald umfasst er im Vergleich etwa zu den Englischen Anlagen von Wörlitz mehr als die doppelte Fläche.

Die Idee des englischen Landschaftsgartens griff in Kassel Wilhelm IX. auf, der den Wilhelmshöher Park rund 100 Jahre nach Karl wesentlich mitgestaltete. Den unterschiedlich orientierten Vätern verdanken sich die barocken, klassizistischen und romantischen Stilblüten, die wundersam korrespondieren. Der Wanderer durchmisst also verschiedene Epochen. Unten bei den Schwänen am Apollotempel umfängt ihn ein Gemälde der Goethezeit, hinter dem Neptunbassin ist dann abrupt alles anders. Die Mäanderästhetik der Romantik geht in unerwarteten Blickachsen auf. Hinzu kommen akustische Akzente. Auch wenn die monumentalen Wasserinszenierungen Pause haben, dringt das Rauschen ins Ohr. Um mit Goethe zu reden: »Kaskadensturz, durch Fels zu Fels gepaart / Und Wasserstrahlen aller Art / Ehrwürdig steigt es dort, doch an den Seiten / Da zischt's und pischt's in tausend Kleinigkeiten.«