Der Eintopf, den Philippe in einem großen Kessel über offenem Feuer zubereitet, muss für 15 Leute reichen. So viele Mitglieder hat die Gruppe Les Ambiani, die mit Zelten, Hausrat und einem beachtlichen Waffenarsenal aus der Bretagne angereist ist. Denn hier, am Glauberg in der nordhessischen Wetterau, wollen die Franzosen zusammen mit einer österreichischen und mehreren deutschen Gruppen ein Wochenende lang ein großes Keltenfest feiern. Es wird ihnen so gut gelingen, dass der selige Fürst vom Glauberg stolz gewesen wäre auf seine wackeren Kelten.

Mit ihm nämlich hat hier, in einer ereignisarmen, von Wiesen und Wäldern geprägten Mittelgebirgslandschaft, eine neue Zeit begonnen. Bei Ausgrabungen Mitte der neunziger Jahre bargen Archäologen an den südlichen Hängen des Glaubergs die lebensgroße Sandsteinfigur eines keltischen Noblen, der unentdeckt 2500 Jahre in der Erde zugebracht hatte. Die Fachwelt sprach von einer »Sensation in europäischem Ausmaß«. Zumal bei der Freilegung zweier Fürstengräber am gleichen Platz kostbare Beigaben gefunden wurden: goldene Ringe und Ketten, Kannen und Trinkbecher, alles feinstes Kunsthandwerk. Die Kelten - ein Volk mit hoch entwickelter Kultur, aber verkannt bis in unsere Tage.

Hätten diese faulen Kerle bloß lesen und schreiben gelernt! Stattdessen überließen sie die Berichterstattung den Griechen und Römern, die sie häufig als barbarische Tölpel diskriminierten. Längst steht eine Revision an. In den ehemaligen keltischen Siedlungsgebieten der Wetterau, wo seit Jahren immer neue archäologische Funde zutage kommen, hat sie bereits begonnen.

Parallel zur großen Keltenausstellung in der Frankfurter Schirn Kunsthalle (ZEIT Nr. 22/02) wurde kürzlich die Keltenstraße eingeweiht. Keine ausgeschilderte Themenstraße im herkömmlichen Sinn, sondern die Vernetzung von sieben Gemeinden, die allesamt sichtbar keltisches Erbe vorweisen können: Hügelgräber, Ringwälle, Kultplätze oder Reste befestigter Höhensiedlungen. In Bad Nauheim haben Archäologen eine Saline freigelegt, wo bereits im 3. Jahrhundert vor Christus mit industriellen Methoden in großen Mengen Salz gewonnen wurde, am Dünsberg lag ein Zentrum für Eisenverhüttung und -verarbeitung. Herzstück der Keltenstraße ist ein gerade entstehender Archäologie-Park.

Schön den Hintern hochhalten

Auch die kostümierten Freizeitkelten auf dem Glauberg halten in diesen Tagen unermüdlich das Fähnlein der Aufklärung hoch. Oder aber den Hintern hin. Je nachdem, ob sie dem Publikum im Freien keltisches Handwerk erläutern oder im Showkampf auf der grünen Wiese einen gezielten Tritt des Gegners einstecken müssen.

Die 70 Akteure sind bei der Darstellung keltischer Lebensart immer um Authentizität bemüht - so weit Kenntnisse vorliegen aus jenen fernen Tagen. Nie würde Philippe Kartoffeln in seinem Eintopf dulden. Auf den Tisch kommt, was es bereits in grauer Vorzeit gab: Gerichte aus Dinkel, Emmer, Hirse. Thermomatten in den Zelten sind verpönt, man bettet sich auf Stroh, ein Schafsfell als Plumeau. Und weiß in kalten Nächten gewiss auch menschliche Wärme zu schätzen.