Mit seinem jüngsten Urteil hat der Europäische Gerichtshof die Festung Europa wieder um ein paar Zentimeter geschleift. So genannte goldene Aktien, die einer nationalen Regierung bei der feindlichen Übernahme heimischer Unternehmen das Blockaderecht gewähren, sind unzulässig. Die Richter bemängelten den staatlichen Einfluss beim französischen Mineralölkonzern TotalFinaElf und verwarfen eine Vorschrift aus Portugal. Und das deutsche VW-Gesetz? Bei Volkswagen gibt es keine goldenen Aktien, nur eine Beschränkung der Stimmrechte zugunsten des Großaktionärs Niedersachsen. Genau diese Regel könnte jetzt unter Druck geraten.

Für Frits Bolkestein, den EU-Binnenmarktkommissar, ist das Urteil des europäischen Gerichtshofs freilich nicht viel mehr als ein Etappensieg. Er ist seinem Ziel, Europa ein einheitliches Übernahmerecht zu geben, nur einen kleinen Schritt näher gekommen. Der Durchbruch für gleiche Übernahmebedingungen in ganz Europa steht noch aus. Dazu müssten die fast überall in Kontinentaleuropa anzutreffenden Höchststimmrechte und Mehrfachstimmrechte fallen. Erst wenn der Grundsatz "eine Aktie, eine Stimme" in der gesamten EU gilt, ist das Terrain für ein einheitliches Übernahmegesetz bereitet - zum Wohl der Aktionäre und des freien Kapitalverkehrs.

Doch ist das erstrebenswert? Mit Blick auf den Binnenmarkt sicherlich. Aber wie positioniert sich die EU gegenüber Amerika? Auch dort gibt es Höchst- und Mehrfachstimmrechte und sogar eine nationale Übernahmekommission, die bei Attacken von außen ein gewichtiges Wort mitredet. Es wäre töricht, einseitig die Schutzwälle niederzureißen. Erst wenn Bolkestein hierauf eine Antwort hat, darf bei weiteren Liberalisierungsschritten applaudiert werden.