Im Land der Morgendämmerung in der Hafenstadt Incheon am Gelben Meer geht um sechs Uhr früh die Sonne auf, und auch an diesem Tag steht der entlassene Autoarbeiter Choi Jong-Hak im Gewerkschaftsbüro auf dem Fabrikgelände von Daewoo Motors und rührt die Streiksuppe. Kohl, Chili, Reis und Wasser. Für Beilagen reicht das Geld in der Streikkasse nicht. "An der Suppe kannst du schmecken, was der Aufschwung uns Arbeitern gebracht hat", sagt Choi, während seine vom Schuften an der Metallpresse gezeichneten Hände mit dem Kochlöffel Kreise ziehen. Laut fügt er hinzu, was Regierungsökonomen nur hinter vorgehaltener Hand bestätigen: "Der Lebensstandard der koreanischen Arbeiter ist heute der gleiche wie vor 20 Jahren."

Und doch besteht Hoffnung, dass sich das bald ändert. Das einst stolze Reich der Schiffs- und Chipbauer, für das die internationale Wirtschaftswelt nach seinem Niedergang in der Asien-Krise vor fünf Jahren lange Zeit nur Spott übrig hatte, ist pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft im eigenen Land aus den Ruinen auferstanden. Der Aktienindex in Seoul hat seinen Wert seit September verdoppelt, die südkoreanische Wirtschaft legt seit 18 Monaten das schnellste Wachstum unter den Industrieländern der OECD vor.

Das Erstaunliche ist weniger das Tempo dieser Entwicklung - die Südkoreaner sind bekannt fürs Klotzen -, sondern die Methoden, mit denen sie diesmal vorankommen. "Früher hat die koreanische Führung das japanische System für das beste gehalten. Seit der Asien-Krise wissen wir, dass es nicht funktioniert. Also richten wir uns heute nach den Amerikanern", erläutert Kim Wan Soon, ehemals Direktor beim Internationalen Währungsfonds (IWF), heute Chef der Organisation für ausländische Investitionsförderung in Seoul (Kotra).

Das neue Modell funktioniert schneller und besser als angenommen. Dank der Finanzreformen nach US-Muster sind heute 40 Prozent der koreanischen Aktien in der Hand von Ausländern. Die investierten in den vergangenen vier Jahren 52 Milliarden Dollar in Südkorea - mehr als doppelt so viel wie in den 40 Jahren davor, in denen sich das Land gegen ausländisches Kapital abschirmte.

Die Südkorea-Begeisterung der Global-Fund-Manager hat gute Gründe. "Restrukturierung bedeutet in den USA, Arbeiter zu entlassen. Das haben wir verstanden", betont Kim, der einst in Harvard studierte. Früher als Exot verschrien, zählt Kim heute zur neuen Elite des Landes.

Japan ist kein Vorbild mehr

Deren drakonische Rezepte aber haben viel von ihrer sozialen Sprengkraft eingebüßt, seit die Arbeitslosigkeit, die nach der Asien-Krise auf über fünf Prozent gestiegen war, wieder auf drei Prozent gesunken ist. Das einst von Japan übernommene System der lebenslangen Beschäftigung ist aufgelöst, betriebsbedingte Kündigungen sind nun jederzeit möglich. Nichts ist für die Beschäftigten wie vorher. "Auch gute Leute, die wir in der Krise entlassen mussten und gleich wieder anstellten, als es erneut bergauf ging, arbeiten jetzt mit Teilzeitverträgen für die Hälfte ihres früheren Lohns", sagt Kim Young-Hoe, Filialleiterin der jüngst neu getauften Woori-Bank im Seouler Neureichen-Stadtteil Daechi, nicht ohne Bitternis.