Da hat Utta Danella ein (zu) hoch gegriffenes Pseudonym gewählt: Martin Walser. Ach, wäre dies Buch doch von Martin Walser geschrieben, dem wunderbaren Wortjongleur, dem bewundernswerten Illuminator der Sprache - es wäre eine Stätte der blitzflinken Messerchen, der kalt verachtenden Rache, meinetwegen des Hasses geworden; auch die Lady Macbeth ist ja nicht direkt als Rolle für Maria Schell gedacht. Soweit erinnerlich, wäscht die Mörderin ihre blutverschmierten Hände. Die Zehennägel lackiert sie sich nicht. Nun aber liegt ein Buch vor, nicht ruchlos, sondern blakenden Rauch hochblasend aus einem Wohnzimmerkamin in falschem Marmor.

Indes sich Walser, in larmoyanter Verteidigung, zu dem Büchlein bekennt. Martin Danella. Ein albern missglückter Text, dessen unappetitliche Insinuationen gut sein mögen für schenkelklatschenden Applaus in Bodenseekneipen. Keine einzige Zeile gehört in die Rubrik "Literatur". Keine einzige Zeile allerdings gehört in die Rubrik "Antisemitismus". Das schreibt nun in dem Geschrei-Dossier dieser Tage einer vom anderen ab, lässt den inkriminierten Kritiker gar "jiddeln", obwohl keine Silbe Jiddisch irgend vorkommt. Mit keiner Silbe des schmalbrüstigen Bändchens wird "der Jude Ranicki" verbrannt; nur der Kritiker wird gebannt. Frank Schirrmachers Posaune "Völker hört die Signale, auf zum Jüngsten Gericht", gibt - hat man das Buch gelesen - nur den Quetschkommodenton "jüngstes Gerücht" ab.

Martin Walser ist kein Antisemit. Es ist schlimmer: Er schwimmt, wie jeder Unterhaltungsschriftsteller, hoch oben auf den Wogen unterbewusster Ressentiments. Des üblen Rattenfängers Möllemann Mundgeruch hat er nicht - kein zündelnder Populist, nur ein populärschriftstellernder Schallverstärker. Von den am Rande des Unzulässigen herumschwabbelnden Ferkeleien bis zur Imagination einer Verlegervilla mit zwei Butlern: klein Moritz in der großen Welt; sollte das Haus des Herrn Unseld mitgemeint sein - ach Gottchen, jeder, der auch nur einmal in dieser Spießerherberge war und sich dort mit billigem Wein vergiften ließ, erkennt: Martin Danella kann nicht einmal karikieren. Nicht die Dame des Hauses, nicht alle möglichen Kritiker, nicht die Firma Inge und Walter Jens. Ich bin wahrlich nicht auf der Welt, diesen steifledernen Rhetor zu bejubeln - aber dies Porträt ist so platt, wie der Mathelehrer in jeder Abiturprüfung aufscheint. Schon diese eine Mickrigkeit zeigt indes das Gefährliche der Kraftlosigkeit des Autors. Es war ja eine handfeste Denunziation des missratenen Söhnchens aus dem Hause Jens, der sich Marcel Reich-Ranicki weiland ausgesetzt sah; eine existenzielle Widerlichkeit. Unangemessen, das hier zu dem Klatsch zu verniedlichen, der Kritiker trage Maßschuhe, um seine Körpergröße zu korrigieren.

Auf Hühneraugenhöhe

Dieser ausgeschriebene Romancier paddelt im Tümpel des Neckischen. Das ist das Gefährliche. Er ist kein Fallschirmspringer, er ist ein Luftikus. Und soll nicht "Ich habe es nicht gemeint" greinen. Wenn man sagt "Ein Text ist klüger als sein Autor", so darf das Diktum in diesem Fall umgedreht werden - der Text ist noch dümmer als sein Autor. Der dumme August ist stets ein hochintelligenter Akteur. Dieser dumme August hat seinen artistischen Verstand an der Garderobe abgegeben, an deren Tür "Gefühl" steht; längstens hat Walser gefühlt statt gedacht. Ein heikel Ding.

Denn: Selbstverständlich muss es erlaubt sein, unseren größten Telefonbuch-Rezensenten aller Zeiten in die Schranken zu weisen, zu attackieren, ihn in Polemik oder Satire vom Platz zu weisen. Hätte Walser es doch getan. Ein funkelnder Essay, eine gnadenlose Philippika, auch nur eine Collage der Zurechtweisungen, wie sie von Thomas Brasch bis Dürrenmatt, von Uwe Johnson bis Günter Grass, von Alfred Andersch bis Peter Handke schon formuliert wurden - man hätte ihm gratuliert. Ranicki selber - der emsige Anthologist - hätte er denn Esprit - sollte eine solche Anthologie "Ich, der Verrissene" herausgeben; jedenfalls sollte er nicht barmen, er sei "verletzt".

Mal abgesehen davon, dass stumpfe Messer schlecht verletzen - er hat selber genügend Menschen verletzt. Es ist ja nun arg lieb, wenn Ranicki nicht eingetroffene Kärtchen anderer Autoren einklagt; wenn er seufzt, kein FAZ-Herausgeber je habe ihn eingeladen (was nicht der Wahrheit entspricht: Ich habe in Frank Schirrmachers Wohnung - ist der nicht noch FAZ-Herausgeber? - einen vergnüglichen Streit mit ihm gehabt); wenn er sich zu Weihnachten oder Silvester, von niemandem gebeten, allein befindet. Ja, was erwartet er? Dass Günter Grass ihm die Gänsekeule vorlegt?