Weil er von Begriffen mehr hält als von Bildern, hat er der Documenta eine Neugliederung verpasst, eine Zerlegung in fünf gleichberechtigte Teile. Vier dieser fünf "Plattformen" sind bereits Vergangenheit, auf ihnen versammelte Enwezor kluge Menschen an fernen Orten, um über die Mängel der Demokratie zu beraten, über das Nachwirken des Kolonialismus oder die Zukunft afrikanischer Metropolen (ZEIT Nr. 15/02). Nur über eines wurde auf den vier Kongressen nicht gesprochen: über die Kunst. Sie ist im Konzept der Documenta 11 nur ein 20-Prozent-Faktor und wird daher erst jetzt, ganz am Ende des Theoriemarathons, um ihren Beitrag gebeten. Der mächtigste Beiträger ist indes wiederum Enwezor selbst, er hat das Überwerk dieser Ausstellung konzipiert: ein vielbändiges Katalogungetüm mit einem Gesamtumfang von 2636 Seiten. Als Arnold Gehlen einst die Kommentarbedürftigkeit der modernen Kunst beklagte, konnte er nicht ahnen, dass im Jahre 2002 der Kommentar selbst zur Ausstellung werden würde. Das Reden, Schreiben, Lesen hat das Künstlern verdrängt.

Doch muss man sich deshalb keineswegs aufregen. Enwezors Neugewichtung ist durchaus berechtigt: Die alte Idee der Documenta hat sich tatsächlich überlebt. Erfunden worden war das Großprojekt 1955 als Entnazifizierungsprogramm, das den Nachkriegsdeutschen zeigte, was lange niemand hatte zeigen dürfen. Auch später blieb Kassel eine Bekenntnisstätte der Moderne, die von vielen Menschen aufgesucht wurde, weil man dort - und nur dort - ausführlich über den Zustand der zeitgenössischen Kunst informiert wurde. Just diese Einzigartigkeit hat die Documenta unterdessen verloren: Allein 2002 werden weltweit zwölf Biennalen abgehalten, ständig locken Übersichtsschauen und Messen - Kunst ist längst überall und immer. Es gibt mehr Museen, mehr Galerien, mehr Preise und mehr Künstler denn je, selbst auf der Zugspitze oder in der Tiefgarage bei Siemens in München werden Ausstellungen inszeniert. Und immer noch kommen neue Häuser und Hallen hinzu, immer öfter werden alte Meister aus den Museen vertrieben, um Platz zu schaffen für die Werke der Jetztzeit. Nie war in der Kunst mehr Gegenwart als heute.

"Wir hassen das Zeug natürlich", schrieb der britische Independent zur documenta X, "doch die Deutschen sind wirklich verrückt danach." Und sie könnten sich über erstaunliche Erfolge freuen: Anders als in der Literatur oder im Film (vom Fußball zu schweigen) darf sich Deutschland in der Kunst als Weltmeister feiern. Gregor Schneider gewann den Goldenen Löwen bei der Biennale in Venedig, Wolfgang Tillmans den bedeutenden Turner Prize in London, und den Besucherrekord hält Andreas Gursky, dessen Ausstellung im New Yorker Museum of Modern Art erfolgreicher war als jede andere eines Gegenwartskünstlers. Erstaunlicherweise sind die Namen der drei aber nur wenigen geläufig, sie werden nicht bejubelt, niemand ruft ein deutsches Bubenwunder aus. Die Kunst ist vielfältiger, bunter, präsenter denn je, doch bedeutet sie uns offenbar nicht viel. In ihrer Allgegenwart hat sie ihren eigentlichen Wert verloren.

Es ist nicht allzu lange her, dass man den bildenden Künsten noch zutraute, eine Befreiung des Menschen zu sich selbst auszulösen. Heute taugen sie nicht mal mehr zum intellektuellen Streit. An ihnen lässt sich keine Walser-, keine Schlossplatz-Debatte entzünden, es gibt keine markanten Wortführer. Wohl auch deshalb ist Enwezor mit seiner Documenta in die Reiche der Philosophie, der Soziologie und Politologie entflohen - der Kunst fehlt Kraft, Einfluss und gesellschaftliche Relevanz.

Zwei Gründe lassen sich ausmachen: Zum einen ist den Künstlern eine mächtige Konkurrenz erwachsen. Immer waren sie Spezialisten für das Bildhafte gewesen, doch dieses Spezialistentum wurde von einer mächtigen Flut der Bilder fortgespült. Mittlerweile hat alles ein Image, ist alles von einer Stil- und Modekruste überzogen - was braucht es da Künstler? Viel schwieriger als einst ist es heute, das Besondere zu behaupten, erleben wir doch das Außergewöhnliche lange schon als das Gewohnte. Wo früher der Künstler als Prototyp des autonomen Individuums galt, als einer, der seine Verschrobenheit pflegt und das Außenseitertum sucht, da hat sich unterdessen der Individualismus als allgemeine Lebensform durchgesetzt. Die Lust am Unterschied ist zum gesellschaftlichen Ideal avanciert.

Gleichwohl ist die Kunst nicht nur Opfer, sie ist auch Täter: Sie selbst wirkt mit an der Zersetzung ihrer angestammten Rolle. Viele jüngere Künstler wollen sich nützlich machen, wollen gebraucht und geschätzt werden und betätigen sich deshalb als Sozialtherapeuten, als Sach- und Geschichtskundler, als Schmalspurphilosophen. Dan Peterman etwa eröffnete in Chicago einen Laden, in dem er mit Straßenkindern alte Fahrräder aufarbeitet - naht- und fugenlos ist seine Kunst im Alltag aufgegangen und hat ihre Unverwechselbarkeit dreingegeben.

Selbst dort, wo sie noch auf eine eigene Ästhetik beharren, lassen sich Künstler rasch vereinnahmen, so wie Ingo Günther oder Gerhard Merz, die stets eine Kunst der Ausnahme proklamierten und zugleich mithalfen, die VW-Autostadt in Wolfsburg auszustaffieren. So wie dort sind Künstler allerorten damit einverstanden, dass ihr Name wie ein Label behandelt wird - ihre Kunst ist ein Markenartikel wie viele andere. Sie streben gar nicht mehr nach dem Außerordentlichen, sondern lassen sich auf den Oberflächen der Popkultur treiben, betätigen sich als Geschmacksverstärker und Image-Aufheller.