DIE ZEIT: Der Nitrofen-Skandal hat viele Menschen erschreckt. Wie groß ist die Gefährdung durch belastete Bioprodukte denn wirklich?

Helmut Greim: Ich habe das Risiko einmal abgeschätzt am Beispiel eines Erwachsenen, der täglich ein Frühstücksei verspeist, und zwar eines mit der typischen gefundenen Nitrofen-Belastung. Der Körper dieses Erwachsenen würde immer noch mindestens hunderttausendmal schwächer belastet als jene Ratten und Mäuse, an denen man die Wirkung von Nitrofen getestet hat und bei denen man gerade noch eine schwach erhöhte Krebsrate feststellen konnte. Für den Menschen heißt das: Eine akute Gefährdung bestand garantiert nicht. Insgesamt war das Gesundheitsrisiko äußerst gering.

ZEIT: Gilt das auch für Schwangere? Oder für die Kleinen, die im Bremer Kindergarten belastetes Putenfleisch zu essen bekamen?

Greim: Durchaus. In meiner Abschätzung steckt ja die unrealistische Annahme, dass der Verbraucher ständig und über Jahre hinweg Nitrofen aufnimmt. Die Versuchstiere wurden ja lebenslänglich damit gefüttert.

ZEIT: Dennoch: Steht Ihre Rechnung nicht im Widerspruch zur Tatsache, dass der von der Europäischen Union festgesetzte Grenzwert für Nitrofen beispielsweise im Weizen bis zu tausendfach überschritten wurde? Das muss die Menschen doch alarmieren!

Greim: Nein. Der Begriff Grenzwert führt hier zu einem Missverständnis, nämlich dass eine gesundheitliche Gefahrengrenze überschritten wurde. Tatsächlich beruht dieser Wert von 0,01 Milligramm Nitrofen pro Kilo nicht auf experimentell fundierten Risikodaten. Dieser festgelegte Grenzwert bedeutet nur, dass die Verunreinigung so gering wie möglich sein soll, und zwar unabhängig vom konkreten Gesundheitsrisiko. Nitrofen hat sich im Tierversuch als krebserregend erwiesen, deshalb hat es in Lebensmitteln nichts zu suchen und ist verboten.

ZEIT: Tierversuche erweisen sich ja häufig als irreführend, zumal wenn dabei - wie im Fall Nitrofen - jeweils sehr hohe Dosen schlagartig über eine Schlundsonde verfüttert werden und so das körpereigene Entgiftungssystem überfordert wird. Pharmakologen und Toxikologen spotten: Mice tell lies - Mäuse lügen. Sind auf dieser Basis strikte Verbotswerte überhaupt sinnvoll?