Auch in der Geschichtswissenschaft wird weiter intensiv geforscht. Veröffentlichungen über die Zeit des Nationalsozialismus nehmen immer noch den größten Platz unter den zeithistorischen Neuerscheinungen ein, und dementsprechend ist ihre Präsenz in den Rezensionsteilen der großen Zeitungen.

Es ist nicht, wie manchmal geargwöhnt wird, eine obsessive Lust an "kollektiver Selbstbezichtigung", die das anhaltende Interesse stimuliert. Vielmehr ist es die Monstrosität der Diktatur und ihrer Massenverbrechen selbst, die nach Erklärung verlangt und sich doch immer wieder einer Erklärung entzieht. Nicht nur Ältere, sondern auch Jüngere greifen zu Haffners Frühwerk, um eine Antwort auf die Frage aller Fragen zu bekommen: Wie konnte es geschehen?

In immer neuen Anläufen müht sich auch die historische Forschung um Antworten. Es ist ja keineswegs so, dass wir bereits über alle Aspekte der Verbrechensgeschichte des "Dritten Reiches" hinreichend im Bilde wären. Man muss nur einmal einen Blick in zwei der wichtigsten historischen Bücher des Frühjahrs werfen, um zu erkennen, was bislang versäumt wurde und wie viel noch zu tun ist.

Zum ersten Mal hat Michael Wildt nun in Generation des Unbedingten (Hamburger Edition) das Führungspersonal des Reichssicherheitshauptamtes untersucht - hoch motivierte, hoch effiziente junge Akademiker, die sich nach 1945 problemlos in die Gesellschaft der Bundesrepublik integrieren ließen. Mit diesem bahnbrechenden Werk wird die Täterforschung auf eine ganz neue Ebene gehoben (eine ausführliche Besprechung folgt).

An ein Tabu rühren auch Götz Aly und Christian Gerlach in ihrer Studie über die Vernichtung der ungarischen Juden im Jahre 1944: Das letzte Kapitel (DVA; ZEIT Nr. 20/02). Sie weisen nach, dass ohne die Mitwirkung der ungarischen Regierung, Verwaltung, Polizei und großer Teile der Bevölkerung die Eichmänner ihr Vernichtungsprogramm nicht hätten ins Werk setzen können. Das Thema der Kollaboration wird im Zuge der Osterweiterung der EU in den nächsten Jahren noch an Brisanz gewinnen. Das bedeutet keine Minderung der deutschen Schuld, wohl aber eine Europäisierung der Perspektive.

Fazit: Von einem Schlussstrich kann, auch was die wissenschaftliche Erforschung der nationalsozialistischen Vergangenheit angeht, überhaupt keine Rede sein. Und nach wie vor stellt die Erinnerung an den Holocaust dabei den wichtigsten historischen Bezugspunkt dar.