So gesehen, ist der 1969 in Potsdam geborene André Kubiczek unbedingt ein Hoffnungsträger. Sein Erstling, der von Wegen und Irrwegen eines jungen Mannes namens Less in der Vorwende-DDR erzählt, lässt aufmerken durch eine Konsequenz der Verachtung, die den konspirativen Bohemespielen eines selbstverliebten Künstlervölkchens und der Disco-Renitenz von Pubertierenden nicht minder gilt als dem Datschenhorizont des staatskonformen Spießers. Die viel gerühmten Nischen: für Kubiczek sind sie allesamt schäbig, provinziell, Blendwerk in einem "Nirwana für Deppen"; und selbst wo er die Komik einer Situation hervortreibt, verliert sein Witz nicht die Säure, schlägt der Grundton des Ekels vor dem Banalen und Entwürdigenden durch. Eines Ekels, der nicht zu verwechseln ist mit dem leeren Dandytum westdeutscher Jungliteraten, sondern einer moralischen Sensibilität entspringt, die Lüge und Selbstbetrug als ästhetische Zumutung erfährt.

Junge Talente ist der Bildungsroman eines Empfindlichen, der mit Scharfsicht für die kleinste Unstimmigkeit auch im eigenen Gefühlshaushalt geschlagen ist und damit alles andere als prädestiniert für Szenen und Gruppen. Um aber seinen Ort zu finden, muss er zuerst die Szenen und Gruppen durchmessen. Wenn der 16-jährige Less die kleine Stadt im Ostharz verlässt, in der schon ein bisschen "modische Randale" gegen die Westmode von vorgestern zum Outcast unter Gleichaltrigen macht, trägt ihn durchaus die Hoffnung, in der Metropole Berlin "mehr" von seiner "Sorte" zu treffen: eine Avantgarde der Unangepassten, die er im Umkreis seines Boheme-Onkels Werner, genannt Wanja, und dessen so bestürzend attraktiver wie verstörend ironischer Tochter Radost vermutet.

Offensive Hässlichkeit

Monat um Monat, weit über die geplante Zeit hinaus, schlägt Less sich durch, jobbt bei der Post, teilt Wanjas chaotische Wirtschaft, besetzt eine Wohnung, hört sich die krampfigen Suaden hermetischer Dichter an, treibt sich als ewiger Fremdling auf Künstlerfesten, in der Punkerszene und bei Protestkonzerten herum. Radost sieht er kein einziges Mal, und auch sonst hat er Pech mit den Frauen: Das knabenhafte Irenchen verschwindet nach einer kindlich-zärtlichen Liebesnacht - irgendwann wird ihn ein Brief aus dem Westen erreichen -, und die Punk-Bassistin Dani, deren üppige Körperlichkeit eher ambivalente Gefühle in ihm auslöst, verletzt seine Eitelkeit, indem sie ihn aus nichtigem Anlass verlässt.

Das alles ist, für sich genommen, nicht viel mehr als die Ostvariante des üblichen pubertären Desillusionierungsreigens, und an hübschen kleinen Romanen, die ihn kalauernd abschnurren lassen, herrscht wahrlich kein Mangel. Doch Kubiczek zielt höher: auf die Erzeugung einer Gegenwelt zum falschen Leben, die nicht reflexhaft ist, sondern autark, wahrhaftig, offen für Visionen und für Schönheit. Die jugendlichen Gegenwelten des Prenzlauer Bergs, die er Less passieren lässt, sind nur Spielwerk an der langen Leine des Bestehenden und werden bald so obsolet sein wie Wanjas "Soireen" mit ihrem angejahrten Flower-Power-Gestalten und ihrem Liedermachermuff. Und in der Verliererschicht, der Less als Aussteiger formal selbst angehört, geht es um wenig mehr als Sex, Suff und Konsumartikel. Zwei Menschen aber begegnet er doch, die unbeirrbar an ihren geschlossenen Welten bauen: dem Punk-Gitarristen Beck und dem "anarchistischen" Philosophen, großen Verächter und schwulen Dandy Nathanael Held. Beck hat, als Schnorrer und "nutzloses" Subjekt, den untersten Weg der Verweigerung gewählt. Eine Offensive der Hässlichkeit, die, den sozialistischen Firnis noch unterbietend, auf die Hässlichkeit des Kleinbürgers zielt, seine Ausrottungsfantasien hervortreibt, aber teuer bezahlt ist: Beck kann die Welt nur noch im Weichzeichner des Alkohols ertragen. So, wie es ihn und Less zueinander treibt, werden sie sich wieder verlieren: Ihre Zuneigung braucht Gegenwart, denn geistig verbindet sie nichts.

Das wahre Gegenüber für Less ist Nathanael (hebräisch: "Gottesgeschenk"). Um das zu erkennen, muss Less, der feminin instrumentierte Heterosexuelle, freilich noch einen Reifeschritt vollziehen, seine identitätsängstliche Homophobie überwinden und mit der Tatsache ins Reine kommen, dass es durchaus der Eros ist, der ihn zu dem eleganten Nathanael zieht - der Eros der Sprache: "Nathanael begann einen Monolog, dessen lockere Ernsthaftigkeit unverzüglich Less' Aufmerksamkeit gewann, obgleich er nicht allen Ausführungen des Anarchisten folgen konnte. Es war ein Sprechen, das sich selbst genügte, da es sich selbst gefiel." L'art pour l'art und Klangfarbenräusche, "rhetorische Maskierungen" des Widerstands, "bizarre Gebäude" eines Sprechens, in dem die Sprache zu sich selber kommt. Nathanaels Demonstration ästhetischer Autonomie widerfährt Less wie ein Pfingsterlebnis, es schließt in ihm auf, was nur darauf gewartet hat, erschlossen zu werden: die Gegenwelt der Poesie als seinen ureigenen Ort.

Selbstfindung durch Sprachfindung. Jede Episode des Romans illustriert die gegenseitige Bedingtheit von Selbstvergewisserung und Sprachkompetenz. Dass er dabei mitunter wie seine eigene Werkstatt erscheint, dürfte freilich nicht der Absicht des Autors entsprechen. Offenbar misstraut Kubiczek seiner Fähigkeit zur Prägnanz, obwohl diese es ist, die ihn auszeichnet: Er kann aus wenigen Worten den Kulminationspunkt schlagen, an dem eine Stimmung umkippt oder sich zwei als Feinde erkennen, kann aus wunderbaren Miniaturen die Liebe keimen lassen, vermag in einem knappen Eindruck, Einwurf oder Dialog ein vertracktes Empfindlichkeitsprotokoll aufblitzen zu lassen. Ein Schlaglicht, und die "ganze schrottige Gegenwart" der DDR ist präsent: "Es war einer dieser doppelstöckigen Zubringer, die jeden Tag die ganze Resignation des Umlands in die größeren Städte verfrachteten."