Bis dahin war der Journalist und Schriftsteller hierzulande ein Unbekannter. Mit dem Lyriker und Erzähler Dezsö Kosztolányi zum Beispiel teilt er das Schicksal einiger ungarischer Autoren, die erst spät entdeckt und übersetzt wurden. Béla Zsolt, ein linksliberaler Intellektueller jüdischer Herkunft und ein streitbarer Gegner nationalistischer Bestrebungen, ist 1949 früh gestorben. Er gilt als einer der bedeutenden Publizisten der Zwischenkriegszeit in Ungarn. Von dieser handelt auch sein Roman Eine seltsame Ehe, der jetzt ins Deutsche übertragen wurde. Er ist das Werk eines vorzüglichen Beobachters und brillanten Stilisten.

Ein Buch, das sich so leicht liest und streckenweise so unterhaltend ist, dass man kaum merkt, wie schwermütig es ist. Nach den letzten Seiten erwacht man wie aus einem bösen Traum, um dann noch einmal zu erwachen und festzustellen, dass wir es heute im Licht einer schrecklichen Vergangenheit interpretieren können, die für den Autor noch Zukunft war.

Béla Zsolt konnte das alles nicht wissen. Er hat nur getan, was findige Intellektuelle tun, er hat den Menschen seiner Zeit nachgespürt. Sein Mensch und der Erzähler seines Romans heißt Viktor und ist ein Verlierer - wie sein Land, dieser große Verlierer der europäischen Geschichte. Viktor scheint an seinem Leben nicht teilzunehmen, und wenn er es tut - eigentlich nur einmal -, treibt er seine Lebenskatastrophe vorwärts. Man kann den Roman lesen als das letzte Kapitel einer großbürgerlichen Familie der k. u. k. Monarchie im Verfallsstadium. Zsolt erzählt ohne überflüssigen Aufwand. Sein roter Faden ist die Hoffnung, verdichtet auf einen Moment in Erwartung neuen Lebens: ein 24. Dezember, Viktors Frau Helén liegt mit Wehen im Bett; geboren werden soll Arthur - ein altmodischer Name, sagt die Hebamme. Tatsächlich ist es ein Kind wie aus einer anderen, hoffnungsvolleren Zeit. Viktor nimmt diese Geburt, dieses Heilsversprechen namens Arthur, zum Anlass, etwas zu tun, was Menschen eigentlich im Angesicht des Todes tun. Er bilanziert.

Betrogene und Zurückgewiesene

Zsolt lässt den in seine Reflexionsmaschinerie Verstrickten voller Kummer und Sarkasmus zurück und tief ins Innere blicken, lässt ihn sich winden und drehen, unter einer Last, die nicht mehr und nicht weniger als sein Menschsein ist. Viktor ist ein Jammerlappen, ein Sonderling, eine tragische und eine komische Figur zugleich. Seit seiner Kindheit leidet er unter den tyrannischen Anwandlungen seiner gehbehinderten Mutter. Überzeugt, dass man eine Versehrte nicht lieben könne, wird sie das Opfer einer sich selbst erfüllenden Prophezeiung und von Viktors Vater tatsächlich irgendwann betrogen. Nach dessen Tod muss Viktor pro forma die Kanzlei der Familie übernehmen, fühlt sich aber in Gegenwart der alten Patriarchin so wertlos, wie sie ihn sieht. Sein einziger eigener Fall führt ihn zu Helén, der Tochter eines Proletariers. Er bettelt um Helén, die einen anderen liebt, der seinerseits wiederum eine andere begehrt, bis sie aus finanziellen Gründen einer Heirat zustimmt. So "seltsam" wie Viktors Ehe scheint auch die Welt ringsum. Niemand wird hier zurückgeliebt.

Viktor und Helén halten eine Liebesperversion aus, die jeden Glücksanspruch verwehrt und für Viktor in verletzenden Momenten körperlicher Zurückweisung gipfelt, die von einer Einsamkeit zeugen, wie sie heute bei Michel Houellebecq wiedergekehrt ist. Es ist das kalkulierte Moment dieser Ehe, die gebrochen war, bevor sie geschlossen wurde, die diesen Roman so erschreckend macht. Es geht Zsolt um eine Welt, in der nichts vor die Hunde geht, weil es längst dort ist. "Wenn man die Heimat nicht retten kann, sollte man wenigstens die Heimstatt retten, auch wenn ich die nie geliebt habe", sagt Viktor und bringt das tragische Dilemma nicht nur seines Lebens auf den Punkt. Als Helén schließlich gebiert, stößt sie einen "animalischen Urschrei" aus, einen "Schrei der Todesangst": Viktors Kind kommt tot auf die Welt. "Ich fühlte nur die unsagbare Angst, die man nachts auf einer verlassenen Straße empfindet, wenn der bissige Hund nur noch zwei Schritte von einem entfernt ist und man sein warmes Hecheln schon im Gesicht spürt."

Der Mensch ist seine eigene Hölle, hat Samuel Beckett einmal gesagt. Béla Zsolt ist einer, der sie vermessen hat. Sigrid Scherer