Der Donnerstag ist der erste richtige Ausstellungstag. Nachdem am Abend vorher Diplomaten und Pressevertreter zur Vernissage eingeladen waren, werde ich dann Zeit für einen ersten Dialog mit den möglichen Teilnehmern des Workshops haben. Ich bin sehr gespannt darauf, sie kennen zu lernen. Und ich glaube, dass es gerade in den ersten Gesprächen wichtig ist, einfühlsam zu sein, um zu spüren, was die Künstler bewegt.

Am Freitag ist islamischer Ruhetag, wie unser Sonntag. Ich bin mit meinem Kollegen schon seit dem 2. Juni in Kabul; für uns wird es der erste Tag sein, an dem wir Zeit für eine Stadtbesichtigung haben. Allerdings ist unsere Bewegungsfreiheit sehr eingeschränkt. Wir bekommen einen Dolmetscher und einen Fahrer gestellt - das ist nicht nur eine Dienstleistung, sondern notwendiger Schutz. Uns werden erschütternde Bilder erwarten. Ich hoffe, ich habe Zeit, auf einem Stück Papier meine Gedanken zu formulieren - egal, ob Text oder Bild, dadurch finde ich Ruhe.

Samstag stelle ich unseren Workshop vor. Zunächst wird das wohl Frontalunterricht sein, aber das darf nicht so bleiben. Ich will ja mit den Künstlern ins Gespräch kommen. Den Workshop habe ich "Perspektiven" genannt. Ich wünsche mir, dass wir für unsere gemeinsame künstlerische Arbeit gemeinsame Ziele finden. Und das Projekt soll keine Eintagsfliege, sondern der Beginn einer längeren Zusammenarbeit sein. Am Nachmittag gibt es eine Führung durch die Universität. Am Abend werden wir beratschlagen, welche der vielen Interessenten am Workshop teilnehmen dürfen.

Am Sonntag beginnt der Workshop. Zunächst werden wir die mitgebrachten Arbeitsmaterialien auspacken: Zeichenstifte, Radiergummis, Acrylfarben und Pinsel, aber auch zwei Kettensägen und verschiedene Handsägen für das plastische Arbeiten. Unser Arbeitsraum wird mit Papier ausgeschlagen. Jeder in der Gruppe soll darauf ein inneres Selbstporträt zeichnen. Ich vermute, dass ich ein Erlebnis aus der Stadt zu Papier bringen werde; vielleicht auch eine Begegnung des letzten Tages. Abends ziehen wir dann Bilanz: Wie ist der Tag gelaufen? Hat die Kommunikation funktioniert? Wir wollen flexibel auf die Bedürfnisse der Kabuler Künstler reagieren. Schließlich geht es nicht darum, einen westlichen Kunstgeschmack zu verordnen, sondern einen Dialog zu beginnen.

Montag vormittag werde ich Dias meiner plastischen Arbeiten zeigen. Auf einem Bild ist ein Denkmal aus 11 000 Pflastersteinen zu sehen. Da geht es um Pressefreiheit. Und Pressefreiheit gehört neben Demokratie und Konfliktbewältigung zu den Themen, die wir anschneiden wollen. Allerdings kann ich mir vorstellen, dass einige sich lieber mit Alltagsthemen beschäftigen, um Abstand zu gewinnen.

Am Dienstag wird entschieden, welche Teilnehmer im Lauf des Workshops plastische Arbeiten anfertigen werden. Wir bringen die rohen Hölzer in unseren Arbeitsraum und positionieren sie so, dass zusammen mit den Grafiken an den Wänden ein Gesamtwerk entsteht. Schließlich soll am Ende des 14-tägigen Workshops dieser Raum zur Ausstellung werden.

Mittwoch haben wir zwei Exkursionen geplant: ins Archäologische Museum Kabuls und zu den zerstörten Buddha-Statuen nach Bamiyan. Allerdings ist wegen der Sicherheitslage noch nicht klar, ob wir nach Bamiyan dürfen. So sind viele Punkte meiner Reise noch vage. Ich habe nicht den Terminkalender eines Managers, sondern den eines Reisenden: mit viel Raum für Erfahrungen.