Es war einmal eine Zeit, die Älteren unter uns werden sich erinnern, da gab es noch Pflichten, und die erste hieß: Engagement. Eigentlich egal wofür oder wogegen. Dann kam eine Zeit, die keine Pflichten mehr kannte, vor allem diese eine nicht: die zum Engagement. Lieber vor Langeweile sterben als sich engagieren, so die Devise. Nun aber scheint eine neue Zeit anzubrechen, die der freiwilligen Selbstverpflichtung, zum Beispiel zum Engagement. Nichts Ernstes, nur eine Mode, Modemacher vorneweg. Engagement wird chic.

Es wäre leicht, sich darüber lustig zu machen. Vorausgesetzt, man ginge selbst mit besserem Beispiel voran. Einstweilen aber haben wir nichts Besseres, also nehmen wir mit dem Modemacher vorlieb. Einen Vorteil bringt er mit: Das Sack- und Asche-Image, das dem Engagement noch anhaftet, wird aufgebessert, "aufgebrezelt", wie das in Fachkreisen heißt. Das Image der Reichen und Schönen ganz nebenbei ebenfalls, und das ist gut, denn das sind ja auch nicht alles Deppen. Für diejenigen, die etwas zu geben haben, wird das Geben ästhetisch attraktiv, was höchst wünschenswert ist, denn schließlich ist noch immer die Regel vom Grenznutzen in Kraft: Was für die Gebenden keine große Belastung darstellt, ist für die Bedürftigen eine immens große Hilfe. Muss man aber nicht Zynismus befürchten, wenn diejenigen, die aufs Nehmen angewiesen sind, den Anblick gut betuchter Menschen in Flüchtlingslagern ertragen müssen?

Die Betroffenen werden nicht sehr wählerisch sein, vielleicht finden sie sogar Gefallen daran zu erkennen, dass da jemand zu ihnen kommt, der nicht von irgendeiner Ideologie zum Gutsein getrieben wird, einer, der noch anderes zu tun hat und sich dennoch für sie interessiert. Und sichtbar über Mittel verfügt, etwas abzugeben. War es nicht auch Zynismus, wenn diejenigen aus der Ersten Welt, die nichts hatten, diejenigen in der Dritten Welt aufsuchten, die auch nichts hatten, um sich gegenseitig im Nichtshaben zu bestärken? Mode macht Moral. Vielleicht ist dies, abseits des beflissenen Moraldiskurses, ein erster Baustein zu einer gelebten globalen Moral, die ihren Grund in der bewussten, individuellen Lebensführung hat. Entscheidend ist dabei nicht die berüchtigte Frage, die beliebte Ausrede, ob ein Einzelner viel bewirken kann, sondern ob er für richtig hält, was er tut. Grundlegend dafür ist die Sorge, wie eng oder weit das eigene Selbst, das eigene Leben verstanden werden sollen und wie der Einzelne angesichts globaler Herausforderungen seine Lebensführung neu definieren kann. Zum Bestandteil des Lebensstils wird der ins Globale erweiterte Bürgersinn des Einzelnen, der sich bewusst entscheidet, Bürger einer Weltgesellschaft zu sein. Die Biografie wird zur Weltgesellschaft hin geöffnet und mündet in eine kosmopolitische, mondäne Citoyenität.

Das Bewusstsein, das dem erweiterten Bürgersinn zugrunde liegt, meint zuallererst die Aufmerksamkeit auf das, was weit über das Selbst, das eigene Haus, die eigene Stadt, das eigene Land hinausgeht. Die kosmopolitische Citoyenität begründet die Lebensform der planetarischen Existenz und kommt zum Ausdruck im individuellen Lebensstil, etwa in dem Bemühen, die Kommunikation und Kooperation mit anderen über bestehende Grenzen hinweg zu suchen, transnationale Interessengruppen und Solidargemeinschaften zu unterstützen. Und wenn die Zeit der maßgeschneiderten Anzüge irgendwann vorbei sein sollte? Dann wird irgendjemandem wieder was Neues einfallen.

Der Autor lebt als freier Philosoph in Berlin. Wichtigste Buchpublikation: "Philosophie der Lebenskunst - Eine Grundlegung" (Suhrkamp, 1998, 8. Auflage 2001)