Immer hatte Anita-Verena Brandsch geahnt, dass irgendetwas nicht stimme mit ihr, dass irgendein Geheimnis sie umgebe. Zwar liebte sie ihre Eltern, und diese liebten sie. Doch solange sie denken konnte, fühlte sie sich immer "anders". Als es zwölf Jahre alt war, erfuhr das Mädchen von einem Nachbarskind die brutale Wahrheit: Ihr Vater und ihre Mutter sind nur Adoptiveltern. "Meine heile Welt brach in Stücke", erinnert sich Brandsch. Fast 30 Jahre brauchte sie, bis sie die Teile wieder zusammengefügt hatte.

"Jeder Mensch hat ein Recht, so früh wie möglich seine Herkunft zu kennen", sagt die 46-jährige Stuttgarterin heute. Deshalb hat sie bei einer Anhörung des baden-württembergischen Sozialministeriums eindringlich davor gewarnt, was in Zukunft möglich sein soll: dass Frauen in deutschen Krankenhäusern ein Kind gebären und zur Adoption freigeben, ohne ihre Identität preiszugeben.

Ende kommender Woche wird der Bundestag das Gesetz zur Regelung anonymer Geburten abschließend beraten. Keine Frau - darüber sind Politiker aller Parteien einig - soll sich in Zukunft gezwungen sehen, ihr Neugeborenes auszusetzen oder zu töten, um unerkannt zu bleiben. Fraktionsübergreifend wollen die Parlamentarier Frauen vor einem Verbrechen bewahren, Babys retten und ihnen verantwortungsvolle Adoptiveltern vermitteln. Angesichts dieser Ziele schien die Annahme des Gesetzes bis vor kurzem eine Formalie.

Doch seit einige Parlamentarier wie die in Ethikfragen einflussreiche SPD-Abgeordnete Margot von Renesse lautstark Zweifel geäußert haben, finden Kritiker der neuen Regelung plötzlich Gehör (ZEIT Nr. 48/01). Ihre Befürchtung: Das neue Gesetz rette keinem Kind das Leben, da Mütter, die ihr Neugeborenes töten, in Panik handeln und niemals ein Krankenhaus aufsuchen würden. Stattdessen fürchten die Kritiker, dass jedes Jahr Hunderte Kinder um ein grundlegendes Recht gebracht werden: ihren genetischen Ursprung zu erfahren. "Kommt die anonyme Geburt, wirft uns das 20 Jahre zurück", prophezeit die Adoptionsforscherin Christine Swientek.

In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat die Adoptionspraxis eine 180-Grad-Wende vollzogen: Statt völliger Vertuschung propagieren Behörden und Experten heute größtmögliche Offenheit gegenüber den betroffenen Kindern, statt des totalen Bruchs mit den leiblichen Eltern wohl dosierte Kontakte. Ein ähnlicher Wandel vollzieht sich zurzeit bei der künstlichen Befruchtung durch eine Samenspende: Die bisher strikte Anonymität des genetischen Vaters steht infrage. Im Zeitalter der Gene gewinnt die Macht der Herkunft wieder an Bedeutung - besonders für solche Menschen, deren Abstammung ganz oder teilweise im Dunkeln liegt.

Früher war das anders. Als das Ehepaar Brandsch die kleine Verena aus dem Heim holte, riet das Jugendamt noch, dem Kind eine normale Familie vorzugaukeln. Erst mit 18 Jahren sollten sie ihrer Tochter eröffnen, dass sie nicht ihre leiblichen Eltern sind. Sie hielten sich an das Schweigegebot, machten aus Verena Anita und verbannten die Herkunft ihres Kinder aus der offiziellen Familiengeschichte. Nur so, glaubten sie, könne das Mädchen eine stabile Identität entwickeln und die neue Familie einen festen Zusammenhalt.

Heute weiß man es besser. Familiengeheimnisse lassen sich selten bewahren, und wenn sie herauskommen, bewirken sie oft das Gegenteil: Die Lüge zerfrisst das Vertrauen in die Eltern; die neue Erkenntnis steht am Beginn einer langen Suche nach sich selbst. Wer sind meine richtigen Eltern, und warum haben sie mich fortgegeben?, fragte sich Brandsch immer wieder. Als wertlos empfand sie sich, wie "ein Mensch zweiter Klasse". "Das große Nein zu Beginn des Lebens reißt eine tiefe Wunde", sagt Adoptionsforscherin Swientek.