Ralph Siegels Vermächtnis sollte es werden, doch es wurde sein Waterloo. Gerade 20 Jahre ist es her, da trällerte Nicole engelsgleich mit einer weißen Gitarre auf Platz eins. "Ein bisschen Frieden" wollten wir damals alle und waren gerührt. Kühn und kitschig begegneten sich Schlager und Wirklichkeit. Was aber sagt uns: "I can't live without music?" Da fällt die Antwort schwer. Das Leben sollte locker, heiter und sexy sein. Nur diese Botschaft traut uns Deutschen in Europa offenbar kaum einer zu. Selbst Österreich bestrafte uns auf ganz perfide Art. Statt der gewohnten null Punkte gab es diesmal einen. Fieser kann man seine Abneigung nicht zum Ausdruck bringen. Arme Corinna May. Doch seien wir mal ehrlich. Wie gehen wir mit Freunden um? Null Punkte an die Türkei - das gehört sich einfach nicht. Nehmen wir uns ein Beispiel an den baltischen Staaten oder an Zypern. Auch der ehemalige Warschauer Pakt bleibt sich nostalgisch verbunden. Ebenso innig ist die Abneigung zwischen Griechen und Türken. Kritiker wollen erfahren haben, der ganze Songcontest sei schon längst fest in russischer Hand. Also kein Zufall, dass die Siegerin für Lettland, Anna N., in Wirklichkeit Russin ist. Da tun sich nicht nur musikalische Abgründe auf. Was ist aus dem guten alten Grand Prix geworden? Wer ihn wirklich retten will, der darf vor schmerzhaften Schnitten nicht zurückschrecken. Vielfalt statt Einfalt - so stelle ich mir die Eurovisionszukunft vor. Längst ist es an der Zeit, dass Kartellrechtskommissar Monti einschreitet und ein Machtwort spricht. Nicht öder Einheitssound in lausigem Euro-Englisch, sondern ein bunter Strauß munterer Schlagermelodien sollte es sein. Popballaden in Slowenisch, zypriotische Lieder mit mediterraner Leidenschaft oder gar finnisches Liedgut. Warum nicht ein Hauch von Folklore mit Dudelsack und Busuki. Statt Sternchen in weißer Häkelware aus dem Beate-Uhse-Katalog wünsche ich mir Sängerinnen im Mireille-Mathieu-Look. Artig verpackt in Blazer und gestreifter Bluse. Chancengleichheit mit fester Kleiderordnung in der Art britischer Schuluniformen statt Striptease-Performance. Das wäre ein wunderbarer Neuanfang, und Lettland schreibt Fernsehgeschichte. Abgestimmt wird dann per SMS. Eine tolle Idee von Ron Sommer. Oder doch gleich alles in zwei Hände. Die von Dieter Bohlen?