Im April 1960 schrieb sie in einer großen Reportage über ihre Eindrücke in der damaligen DDR, man spüre "Terror in der Luft. Aber die Atmosphäre in Mitteldeutschland riecht nur dumpf nach Vorsicht, Passivität, Resignation. Resignation ist nicht gleichbedeutend mit Faulheit. Im Gegenteil, man arbeitet hart."

Seit 1945 schrieb sie nicht mehr aus New York, sondern aus London, seit 1972 aus Paris. Und sie reiste immer an den Ort des Geschehens. Ich habe sie in Paris und in Dresden getroffen, in Schanghai und in Boston, sogar auf Olu Obasanjos Farm in Nigeria. Ihre Leidenschaft zu reisen, um selbst zu sehen, war ebenso enorm wie ihr unverhohlener Zigarettenkonsum. Sie hatte eine ungewöhnliche Fähigkeit, in relativ kurzen Sätzen komplizierte Situationen zu entwirren, ohne dabei unzulässig zu simplifizieren. Sie hat sich nicht auf den Kommentar beschränkt, sondern zugleich machte sie immer Vorschläge zur Lösung des Problems. Ich habe sie oft um ihre Fähigkeiten beneidet.

Flora Lewis ist in Kalifornien geboren und aufgewachsen. Aber sie kannte die Nationen Europas und ihre Geschichte besser als die allermeisten der amerikanischen Politiker und hat den mühseligen Weg der europäischen Integration seit Jean Monnet positiv begleitet. Gleichwohl blieb sie eine patriotische Amerikanerin. Aber sie hat oft auch dem eigenen Land mutig den Spiegel vorgehalten. So schrieb sie noch vor acht Wochen im Blick auf die amerikanischen Operationen in Afghanistan und auf die von dort ausgehenden Opiumexporte: "Gewiss ist der Terrorismus eine Gefahr. Aber möglicherweise sind die Drogen noch heimtückischer." Wenn nichts geschehe, so werde Afghanistan den Opiummarkt erneut überschwemmen, und zwar so schnell, wie man "axis of evil" sagen könne.

Flora Lewis hat vor allem für die New York Times und die International Herald Tribune geschrieben. Nachdem Walter Lippmann und Scotty (James) Reston davongegangen waren, wurde sie zu einer unverzichtbaren amerikanischen Stimme.