Eine Zeit lang war alles gut - zumindest das Essen. Von der Rinderseuche BSE sprach niemand mehr, Nitrofen kannten nur Fachleute, und in den Supermarktregalen lagen die Eier von glücklichen Hühnern. Im vergangenen Herbst untersuchten die Kieler Agrarökonomen Maike Bruhn und Reimar von Alvensleben, was sich die Deutschen unter Bioprodukten so alles vorstellen. Ergebnis: Die meisten erwarten besonders gesunde, ungespritzte Lebensmittel ohne Chemie.

"Eine Illusion", sagt von Alvensleben. Und meint nicht den jüngsten Skandal um vergifteten Ökoweizen. Der Großteil der Verbraucher hat schlicht eine falsche Vorstellung, wie grüne Landwirtschaft funktioniert.

Seit Jahren wächst die Branche um zweistellige Prozentwerte. Die deutschen Biobauern bewirtschaften inzwischen mehr als 655 000 Hektar Land - eine Fläche, zweieinhalbmal so groß wie das Saarland, fast vier Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Fläche in der Bundesrepublik. Ende des Jahrzehnts, so der Plan von Verbraucherministerin Renate Künast, sollen es schon 20 Prozent sein. Die grüne Politikerin versprach eine Agrarwende: die Abkehr von der klassischen Landwirtschaft mit Massentierhaltung, Chemiecocktails und Nahrungsfabriken. Und nährte damit den Irrglauben, bärtige Kleinbauern auf idyllischen Höfen könnten das halbe Land ernähren.

Tatsache ist: Ökolebensmittel sind eine Massenware. Biolandwirte haben dieselben Probleme wie konventionelle Bauern - und arbeiten unter dem Wachstumsdruck womöglich bald ebenso industriell.

Das Etikett. Seit Anfang der neunziger Jahre sind die Begriffe Öko und Bio gesetzlich geschützt. Laut EG-Öko-Verordnung dürfen sie nur von Betrieben verwendet werden, die nach europäischem Recht zertifiziert sind und regelmäßig kontrolliert werden (siehe Grafik). Diese Betriebe dürfen seit Herbst das staatliche Biosiegel verwenden. Die Zutaten für ihre Produkte müssen aber nur zu 95 Prozent aus dem biologischen Landbau stammen.

"Öko light", sagen dazu die Vertreter von Anbauverbänden wie Demeter, Bioland, Naturland und Biopark. Für ihre Mitglieder gelten zusätzliche Regeln. Nach europäischem Recht darf ein Hühnerhalter das gesamte Futter zukaufen. Ein Bioland-Bauer muss mehr als die Hälfte selbst anbauen. Denn wer Futter zukauft, weiß nie, ob der Lieferant panscht. Neun verschiedene Verbände gibt es hierzulande, 60 Prozent der mehr als 14 000 Ökobetriebe gehören zu ihnen. Der Rest wirtschaftet ausschließlich unter dem Biosiegel.

Riskante Produktion. Durch ihr schnelles Wachstum gerät die Biobranche in eine gefährliche Abhängigkeit von Futtermittelherstellern und Verarbeitungsbetrieben. Wer in die großen Supermärkte will, muss deren Regeln akzeptieren: Lieferpflichten, Zwischenhändler und Profilogistik mit weiten Transportwegen. "Wir müssen fragen, ob es richtig war, teilweise industrielle Agrarstrukturen zu übernehmen", sagt Renée Herrenkind vom Demeter-Verband.