Die Trümmer des World Trade Center türmten sich noch auf die Höhe mehrerer Stockwerke, als bereits die ersten Bücher über die Katastrophe des 11. September 2001 auf dem amerikanischen Markt erschienen: Reportagen, fotografische Dokumentationen, eher symbolische Zeugnisse publizistischer Betroffenheit als tiefgründige Analysen und Interpretationen des Attentats.

Im kriegs- und bombengeprüften Europa ist die kulturelle Schockwirkung des terroristischen Angriffs auf Amerika schwer nachzuvollziehen. Noch heute veröffentlicht die New York Times jeden Tag eine ganze Seite voller Kurzbiografien der 3000 Opfer aus 120 Nationen. Die politischen, wirtschaftlichen und militärstrategischen Langzeitwirkungen des Anschlags auf ein Land, das seit 1812 keine ausländischen Feinde mehr auf seinem Territorium erlebt hatte, werden über Jahre hinweg nicht nur die internationalen Vertragspartner und politischen Gegner der Vereinigten Staaten, sondern auch Historiker, Sozialwissenschaftler, Ökonomen und selbstverständlich auch die Nachrichtendienste beschäftigen.

Unter den neueren Publikationen, die sich mit dem blutigen Wendeereignis und seinen Ursachen auseinander setzen, ist Reinhard Hesses Ground Zero die wahrscheinlich erstaunlichste: Der Autor, Journalist und Redenschreiber des Bundeskanzlers, ist in Kairo aufgewachsen, hat die Krisengebiete des Nahen Ostens seit Jahrzehnten als Reporter kennen gelernt und spricht und liest Arabisch - Letzteres ist die Voraussetzung für seine brillante Analyse des epochenversetzten, mittelalterlichen "Islamismus", des geistigen Nährbodens der Al-Qaida-Terroristen um Osama bin Laden.

Hesse beschreibt die Einzelbiografien einiger Attentäter und Osama bin Ladens Karriere vom saudi-arabischen Industriellen zum "Paten des Massenmords". Dieser aktuelle Teil des Buches, der sich auf Dokumente und Informationen beruft, die der Autor zweifellos nicht nur aus Zeitungsarchiven zusammengetragen hat, zeichnet die religiöse Ideologisierung junger Männer nach, die fast ausnahmslos aus dem Mittelstand der arabischen Welt stammen: Dies sind nicht die sozial motivierten Terroristen, die sich in europäische Revolutionsbiografien fügen ließen. Hesse schildert die kulturelle und spirituelle Isolation gläubiger Menschen im Ansturm der säkularisierten westlichen Moderne. Seine Skizze der islamischen Heilsbewegung, seine kenntnisreichen Interpretationen ihrer Kerntexte, sein Rekurs auf den zivilisatorischen und als demütigend erfahrenen Vormarsch des "Westens" seit Bonapartes Einfall in Ägypten - dies alles verleiht dem scheinbar leicht geschriebenen Werk wissenschaftliche Ernsthaftigkeit und analytischen Tiefgang. Dass hier ein Intellektueller und Arabistschreibt, der zugleich im politischen Tagesgeschäft der Bundesregierung das Privileg der Information aus erster Hand wahrnehmen konnte, wird dem Buch auch einen historischen Rang verleihen. Es ist zweifellos nicht "ein Buch des Kanzleramts", sehr wohl aber steht zu hoffen, dass die Kenntnisse des Autors auch dort gehört werden, wo Entscheidungen über die Zukunft der Nahostpolitik der Bundesregierung getroffen werden.

Reinhard Hesse
Ground Zero
Der Westen und die islamische Welt gegen den globalisierten Terror; Econ Verlag, München 2002; 320 S., 20,- EUR