Nichts daran ist außergewöhnlich. Jedenfalls nicht hier, in der 9. Klasse von Bernd Retzlaff. Ein zweiter Hund gehört genauso zum Schulalltag. Er liegt auf dem Boden und lässt sich genüsslich von einem Schüler kraulen, der mit der anderen Hand Lösungen ins Schulheft kritzelt.

Die Labradore Jule und Nina sind Bernd Retzlaffs Assistenten, zwei lammfromme, neugierige, etwas übergewichtige, gelenkschwache Hilfslehrer. Sie erfüllen eine wichtige Rolle im Klassenzimmer: Den Schülern sind Jule und Nina Seelentröster und Aggressionshemmer, Mutmacher und Stimmungsaufheller, Lernbeschleuniger und Stressfresser in einem. "Ich muss gar nicht in die pädagogische Trickkiste greifen. Das machen die Hunde für mich", sagt Bernd Retzlaff. Die Labradore sind der Kern seines Unterrichtskonzepts.

Das Experiment des tierliebenden Klassenlehrers begann vor drei Jahren. Damals wurde Retzlaff an der Grund- und Hauptschule im badischen Sulzburg eine neue Klasse zugeteilt, die "völlig verlottert war", wie sich der Pädagoge erinnert. Es gab Prügeleien, es wurde geklaut, Stühle flogen, Jacken wurden zerrissen. Ein Schüler war als Dealer polizeibekannt, stand kurz vor dem Rausschmiss. "Es steckte so viel Gewaltpotenzial in der Klasse, dass ich mir überlegt habe, ob ich sie tatsächlich übernehmen soll."

Beim gemeinsamen Streichen des Klassenzimmers mit seinen Schülern drehte sich der Wind. Denn Tierfreund Retzlaff, der seine Hunde schon immer gern zu Klassenfahrten oder Schulausflügen mitnahm, tauchte zu den freiwilligen Arbeitsnachmittagen stets mit Jule auf. Bald rannte die Labradorhündin mit Malerhütchen und Farbklecksen im Fell durchs Zimmer und verbreitete beste Laune bei der Arbeit. Die Schüler fragten: "Kann Jule nicht in den Unterricht kommen?"

Dem Lehrer gefiel die Idee. Im Kollegium warb er dafür mit einer Umfrage des Zürcher Instituts für interdisziplinäre Erforschung der Mensch-Tier-Beziehung (IEMT) von 1998. Darin berichteten 30 Schweizer Kindergärtnerinnen und Primarlehrer, die ihr Tier zur Arbeit mitbrachten, von positiven Erfahrungen. Die Eltern gewann Retzlaff bei einem Gespräch mit Kindern und Lehrern: Er versprach, die Hunde nie allein durchs Schulhaus laufen zu lassen und den Versuch zu beenden, sobald ein Schüler zu große Angst habe.

Nach über zwei Jahren täglichen Umgangs mit den Hunden sei seine 9. Klasse kaum mehr wiederzuerkennen, meint Retzlaff. Die Stimmung sei fröhlicher, der Geräuschpegel geringer, Stühle flögen keine mehr. Rangeleien und verbale Rüpeleien erlebt der Lehrer kaum noch. Die Hunde haben sich als Lärmdämpfer und Wohlfühlförderer erwiesen. "Hunde nehmen einen, wie man ist, egal, ob man schlechte Noten hat, sich für zu dick hält oder Pickel hat", beschreibt Retzlaff den therapeutischen Effekt seiner Labradoren. Da war zum Beispiel jener 15-Jährige aus dem Kosovo, ein aufgeschossener breitschultriger Junge mit Macho-Allüren, der seine Unsicherheit mit aggressivem Verhalten überspielte. Als die Hunde da waren, lag er oft auf dem Boden und schmuste mit ihnen. "Plötzlich konnte er sich zärtlich und einfühlsam geben, ohne Angst, er würde deshalb ausgelacht", sagt Retzlaff. Ein muslimisches Mädchen überwand dank Jule und Nina seine panische Angst vor Hunden, ein anderer, der bei Matheprüfungen "regelrecht zitterte", beruhigte sich, sobald zu seinen Füßen ein Hund lag.

Die positiven Effekte, die Retzlaff bei seinen Schülern beobachtet, hat der Biologe Kurt Kotrschal von der Konrad Lorenz Forschungsstelle im österreichischen Grünau kürzlich wissenschaftlich nachgewiesen. In einer Wiener Volksschulklasse mit hohem Immigrantenanteil filmte Kotrschal die zehn- bis zwölfjährigen Schüler im Unterricht - vier Wochen mit Hund, vier Wochen ohne. Das Ergebnis: Die Anwesenheit der Hunde ließ introvertierte, ängstliche Kinder häufiger aus ihrer Isolierung treten, während sie hyperaktive und reizbare Schüler beruhigte. "Es gab signifikant weniger aggressive Auseinandersetzungen", sagt Kotrschal. Die Hunde brachten zwar mehr Unruhe in die Klasse - doch die schlug sich letztlich in einer wesentlich stärkeren Aufmerksamkeit für den Lehrer nieder. Eine parallele psychologische Untersuchung der Universität Wien, die die Hundeklasse mit einer anderen Klasse verglich, zeigte zudem eine größere Schulzufriedenheit und geringere Fehlzeiten. "Ein klarer Hinweis, dass Hunde soziale Integration und Lernbereitschaft fördern", sagt Kotrschal.