Dabei wartet er mit der paradox erscheinenden Grundthese auf, dass Wehner, dem kommunistischen Ideal getreu, als "Schüler Lenins" dessen Lehren schöpferisch anzuwenden, gegen Ende des Zweiten Weltkrieges zu politischen Einschätzungen gelangte, die mit der "Generallinie" des "Weltkommunismus" sowjetischer Prägung nicht mehr zu vereinbaren waren.

Werden hier nur die Verdächtigungen reproduziert, mit denen Wehner stets aufs Neue von rechts wie von links überzogen wurde? Und was ist mit Kropotkins "gegenseitiger Hilfe" und Landauers ethischem Sozialismus, die zu den geistigen Vorbildern Wehners gehörten, bevor er sich mit Lenin und dessen von Stalin zum "Leninismus" erhobenen und dadurch kanonisierten Theoriefragmenten beschäftigte? Der Autor versucht auf diese Fragen indirekt zu antworten, vor allem durch den Nachweis, dass es für Wehners "idealistische Sichtweise" kennzeichnend gewesen sei, dass er im Unterschied zu Lenin die Lehre des Sozialismus nicht auf die modernen ökonomischen Verhältnisse zurückführte, sondern als "überzeitliche Idee" begriff. Als Kern dieser Idee habe sich für Wehner, wie es in seiner 1942/43 angefertigten Schrift Selbstbesinnung und Selbstbeschränkung hieß, "das Streben nach der immer vollkommeneren Verankerung des Rechts des Individuums im Recht der Gemeinschaft und des Rechts der Gemeinschaft im Recht des Individuums" ergeben. Unter Sozialismus habe er mithin eine Weltordnung verstanden, in der die Rechte des Individuums, der Nation und der Menschheit in Übereinstimmung gebracht worden seien.

Die Erfahrung, während der Jahre in Moskau unwillentlich in Schuld verstrickt worden zu sein, die das Wesen des totalitären Systems ausmachte, gab letztlich den Ausschlag, mit der KPD zu brechen. Sein politischer Start in der SPD wurde wesentlich durch Kurt Schumacher erleichtert, der nach längerer Prüfung sich davon überzeugt hatte, dass Wehners Trennung von der KPD glaubwürdig war. Besonders in der Einschätzung des frühen SED-Staates als bloßer Agentur Moskaus stimmten beide überein. Für den Wehner der fünfziger Jahre gehören, wie der Autor einleuchtend darlegt, nationale Befreiung durch Ausübung des Selbstbestimmungsrechts und Demokratisierung unteilbar zusammen. Als der weltpolitische Wandel seit Ende der fünfziger Jahre die Wiedervereinigung in eine immer weitere Ferne rückt, wurde der Begriff der Demokratisierung zum Leitbegriff für die innere Reform der Bundesrepublik.

Zu den überzeugendsten Abschnitten zählt die Darstellung der unermüdlichen Suche Wehners nach Chancen, Bewegung in die nationale Frage zu bringen. Kein anderer Politiker der Bundesrepublik versuchte so wie er, aus den ideologischen Debatten im Osten Nutzen zu ziehen. Sein durch vielfältige Erfahrung erworbenes Wissen über die inneren Bruchlinien des nach außen so monolithisch erscheinenden Ostblocks, insbesondere der SED, trieb ihn aber gelegentlich über die Pflöcke hinaus, die einen relativ kalkulierbaren Pfad zur Wiedervereinigung absteckten. So geschehen beim Deutschlandplan von 1959, der im allgemeinen politischen Teil seine Handschrift trug. Ein Jahr später, im März 1960, nahm Wehner nicht nur Abschied vom Deutschlandplan, sondern auch insgesamt von der bisher betriebenen Politik der "nationalen Befreiung", weil auch die letzten Voraussetzungen dafür entfallen waren. So einsam, wie oft dargestellt, war weder diese Entscheidung noch Wehners Bundestagsrede vom 30. Juni 1960. Dem Autor gelingt der Nachweis, dass diese Rede in eine von der SPD-Führung zuvor festgelegte Grundlinie eingebettet war.

So plausibel Leugers-Scherzberg die einzelnen Schritte der politischen Umorientierung Wehners darlegt, so problematisch ist sein Versuch, diese Wende als "Politik der demokratischen Einheit", welche die Koexistenzparole Moskaus - gewissermaßen mit leninistischen Mitteln - konterkarieren sollte, zu interpretieren. Am Schluss setzt er noch eins drauf und meint, Wehners Zusammenspiel mit Unionsabgeordneten vor der Bildung der Großen Koalition 1966 sei nichts anderes als eine "Zersetzungsstrategie" zum Zwecke der Machtübernahme der SPD gewesen. Wehners Motive werden durch solche Wertungen zu sehr vereinfacht. Rudolf Morsey hat vor Jahren berichtet, Heinrich Krone habe 1978 - als die Wehner-Biografie der beiden Spiegel-Redakteure Freudenhammer und Vater erschienen war - in einer Mischung aus Zorn und Trauer über deren Behauptung, Wehner habe die Christdemokraten für nützliche Idioten gehalten und dazu gebracht, sich seiner Position anzuschließen, an Wehner geschrieben: "Mir liegt daran, Sie wissen zu lassen, daß ich dieses Urteil nicht teile und überdies ein anderes Bild von Ihnen habe." Wehner antwortete: "Was Leute dieser Art über mich und von mir zu wissen behaupten, gibt nur wieder, was sie sich selbst zurechtgemacht haben ... Ich darf Sie an die Schlußsätze meiner Bundestagsrede vom 30. 6. 1960 erinnern." Dort hatte Wehner seine Rede mit dem Satz abgeschlossen: "Das geteilte Deutschland ... kann nicht unheilbar miteinander verfeindete christliche Demokraten und Sozialdemokraten ertragen."

Es mag dahingestellt bleiben, ob in diesem Appell ein christlich begründetes Motiv enthalten ist - ein Aspekt, der in der Wehner-Forschung meist vernachlässigt wird - oder einfach die Erkenntnis, dass eine Demokratie nicht gedeihen kann, wenn sich die Politiker in einem Freund-Feind-Verhältnis begegnen. Jedenfalls scheint mir diese Interpretation überzeugender als nur spärlich belegte Vermutungen über leninistische Strategien Wehners. Wenn Leugers-Scherzberg - wie zu hören ist - nach dieser Teilbiografie eine umfassende Biografie über Wehner schreiben will, dann sollte er solche Thesen entweder besser belegen oder auf sie verzichten.

August H. Leugers- Scherzberg:
Die Wandlungen des Herbert Wehner
Von der Volksfront zur Großen Koalition; Propyläen Verlag, München 2002; 432 S., 30,- EUR