In den Gassen spielte Pep mit seinen Freunden Fußball, und wenn sie nicht spielten und wenn die Glocken nicht läuteten, war es völlig still zwischen den Häusern. Manchmal gingen die Domherren an Peps Fenster vorbei. Grüßten sich in aller Form. Und wenn sie es eilig hatten, rauschten ihre Talare.

Damals, Ende der vierziger Jahre, war Palma mit 150 000 Einwohnern ein Provinznest - auch wenn es die Einheimischen La Ciutat nannten, »die Stadt«. Heute ist es mehr als doppelt so groß. In Palma leben 320 000 Menschen, die Hälfte der gesamten Bevölkerung von Mallorca. Sieben Millionen Touristen kommen jedes Jahr auf die Insel, und irgendwann stolpert jeder von ihnen durch die Altstadt von Palma. Das Palma von heute ist wohlhabend, elegant, betriebsam, jung, international und polyglott. Ein Drittel der Bewohner spricht nicht mehr Mallorquinisch, den katalanischen Dialekt, sondern Spanisch. Dazu kommen die Engländer, die sich hier niedergelassen haben, die Deutschen, die Skandinavier.

Heute tragen die Domherren keine Talare mehr. Wer La Seu, die Kathedrale, besichtigen will, muss 3,50 Euro Eintritt zahlen, das sind fast 600 Peseten.

Aber manchmal, früh am Tag oder dann wieder am Abend, wenn keine kamerabehängten Touristen nach den Arabischen Bädern suchen, ist es in den Gassen der Altstadt von Palma fast so wie damals. Die Sonne fällt schräg zwischen den vorspringenden Dächern der Adelspaläste hindurch. Manchmal steht ein Tor offen, und der Innenhof dahinter quillt über von Licht und Grün. In der Ferne hallt Pferdegetrappel wider, und ein älterer Herr sucht die Spuren seiner Kindheit.

»Ich will nicht behaupten«, sagt Josep Moll Marquès, »dass das genau der Nagel ist. Aber er könnte es sein.« Dort, vor einer Mauernische im Haus Nummer 5, Carrer de Sant Sebastià, haben sie immer einen Vorhang gespannt und Theater gespielt. Die Mauernische war die Bühne und die Gasse das Auditorium.

Palma damals, das war »ein Urbild von Gemütlichkeit« - zumindest für Leute wie Josep Moll und seine Familie. Die Bauern verkauften Gemüse, Würste und lebende Hühner im Freien auf der großartigen Plaça Major, weil es keine Markthalle gab. Die Fischer flickten ihre Netze gleich neben der Llotja, der alten Seehandelsbörse, einem der schönsten gotischen Profanbauten der Welt. Joan March, der Kriegsgewinnler, Spekulant und Schmugglerkönig, hatte gerade einen ganzen Häuserblock zwischen dem Almudaina-Palast und dem Círculo Mallorquín, dem Clubhaus der Aristokraten, niederreißen und die perfekte Imitation eines Renaissancepalastes in die Höhe ziehen lassen. Nur um sich dafür zu rächen, dass der Círculo ihn nicht aufnahm.

Es gab ein paar sehr Reiche auf Mallorca und sehr viele Bettelarme. Wer konnte, wanderte aus. Und es gab nicht viel mehr als eine vage Erinnerung an jene Zeit vor der Entdeckung Amerikas, als Palma neben Barcelona die mächtigste Stadt des westlichen Mittelmeers gewesen ist. Eine kosmopolitische Stadt mit Handelsbeziehungen in alle Welt. Ein Zentrum der Kosmografie, wo jüdische Kartografen mit den geheimen Kenntnissen arabischer Wissenschaftler die Seekarten gezeichnet hatten, die Heinrich den Seefahrer die westafrikanische Küste hinunterführten und Amerigo Vespucci über den Südatlantik.