Am schlimmsten war es am Montag. Alle paar Minuten klingelte das Telefon von Helmut Vollmer, Betriebsleiter der Bohlsener Mühle im niedersächsischen Bohlsen. Am anderen Ende der Leitung: seine Kunden, also die Besitzer von Ökoläden, die Betreiber von Marktständen, die Mitarbeiter in den Reformhäusern. "Einige waren geradezu hysterisch", erinnert sich Vollmer. "Die wollten innerhalb einer Stunde eine eidesstattliche Erklärung, dass unsere Produkte nitrofenfrei seien - andernfalls würden sie die Regale räumen und unserem Fahrer am nächsten Tag die Ware mitgeben."

Vollmer gab keine eidesstattliche Erklärung ab. Statt dessen verteilte er Infozettel. "Wir prüfen unser Getreide schon seit mehr als zehn Jahren, auch auf die Schadstoffgruppe, zu der Nitrofen gehört", sagt der 49-Jährige. 1982 kam Vollmer als Chefbäcker zu Bohlsen. Schon früh hatte er, selbst Sohn eines Bäckers, erkannt, dass er in einer konventionellen Backstube nichts verloren hatte. "Das war die Zeit, als diese Fertigmischungen aufkamen, dazu dann ordentlich Chemie - das war nichts für mich." Geboren im Ruhrgebiet war Vollmer aktiv in der Antiatomkraftbewegung und arbeitete in Bäckereikollektiven. Ein Überzeugungstäter mit astreiner Ökokarriere und, wie er selbst sagt, "einer der ersten Ökobäcker der Republik".

Heute greift er nur noch bei neuen Produkten selbst zu Mehl und Butter, ansonsten kümmert er sich um die Vermarktung. Der Skandal habe die Schwachstellen der Ökobranche aufgezeigt, sagt er. Wenn ein Betrieb 10 Prozent des Umsatzes mit Öko- und 90 Prozent mit konventionellen Produkten mache, sei klar, welcher Sparte das Augenmerk gelte. Vollmer: "Man muss aufpassen, mit wem man handelt. Unsere Existenz hängt zu 100 Prozent von einer sauberen ökologischen Erzeugung ab." In Bohlsen werden Eier und Trockeneiprodukte verarbeitet - beides Produkte, die vom Skandal betroffen sind. Da die Mühle aber seit Jahren mit regionalen Erzeugern zusammenarbeitet, war die Rückverfolgung der Produkte schnell möglich.