Der Mann mag keine Termine. Ohne festen Zeitplan läuft der 42-jährige Architekt über die Fachmesse Light and Building in Frankfurt. Ungekämmt und mit der achtlos über die Schulter geworfenen Tasche ähnelt Ludger Hovestadt mehr einem interessierten Laien als den in Anzug und Krawatte gekleideten Fachbesuchern. Doch das lässige Äußere täuscht: Hovestadt ist Chef zweier Firmen, Professor an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich und eine der zentralen Figuren in der Diskussion über "intelligente Gebäude". Hovestadt hat Erfolg. Weil er sich nicht um Regeln schert.

Verstehen kann das nur, wer einen Blick zurückwirft und die alten Regeln kennt. Schon lange theoretisieren Architekten und Ingenieure über "intelligente Gebäude" - eine Diskussion, die vor einigen Jahren an den Universitäten versandete und in der Praxis im Ansatz stecken blieb. Firmen wie Siemens oder Honeywell entwickelten Systeme, mit denen sich zum Beispiel das Licht oder das Klima eines Gebäudes automatisch regulieren lässt. Zunächst gab es für jede Funktion eine einzelne Lösung, dann sogar multifunktionale Angebote. Doch bis heute hat sich der Wunsch nach einem alle Funktionen umfassenden System nicht erfüllt. Was das Marketing gern "intelligent" nennt, gleicht oft noch einem Technologiepark, dominiert von kryptischen Abkürzungen wie Lon, Eib oder Bacnet. Dahinter verbergen sich konkurrierende Standards und der Versuch, die im Systemwirrwarr unvermeidlichen Schnittstellenprobleme zu meistern. Oft bleibt es beim Versuch.

"Die Situation ist mehr von Krisenmanagement als von Integration gekennzeichnet", kritisiert Kay Friedrichs, Architekt und Unternehmensberater aus Aachen. Glaubt man Winfried Brandt vom Fachverband Automation und Management für Haus und Gebäude, dessen gut 50 Mitgliedsfirmen einen Umsatz von jährlich rund 1,1 Milliarden Euro erwirtschaften, dann wird sich daran so bald nichts ändern. Wenn Brandt dem Markt für integrierte Systeme ein jährliches Wachstum von 10 Prozent prognostiziert, meint er das intelligente Zusammenspiel bereits bestehender Einzelsysteme.

Hovestadt ist dieser Weg der Integration zu mühsam. Er will ein Angebot aus einem Guss: "Inzwischen sind Internet und PCs so leistungsfähig, dass sich alle Dienste in einem Gebäude in einem einzigen System integrieren lassen." Sein System - RaumComputer genannt - soll diesem Anspruch gerecht werden. Zu diesem Zweck greift Hovestadt auf handelsübliche Hard- und Software zurück. Dadurch ist es stabil, schnell zu installieren, verständlich und billig. Vor allem aber ist es ein offenes System - es basiert auf dem weltweit verbreiteten Internet Protocol, dem kleinsten gemeinsamen Nenner der Computerwelt.

Schnittstellenprobleme sind so schnell gelöst. Im Raum, auf den letzten Metern zu Lampe oder Heizung, ist der RaumComputer kompatibel mit den alten, in sich geschlossenen Systemen. Dem Nutzer dient sein PC oder etwa sein Handy als Kommandozentrale. Sie ersetzen Schalter oder Regler. Bei Nutzerwechseln oder Umbauten ist nur die Software zu verändern, mit Mausklicks, ohne Umverdrahtungen.

Hovestadts Anspruch: "Wir wollen die Plattform für alle Dienste sein. Eine Art Betriebssystem." Der RaumComputer als Windows für Gebäude? Binnen fünf bis zehn Jahren will Hovestadts sein System als Standard durchsetzen und mit der dazugehörenden Firma auf mehrere hundert Mitarbeiter anwachsen. Die Fachwelt räumt ihm eine Chance ein: Für Friedrich Dassler, Chefredakteur der Zeitschrift Intelligente Architektur ist der RaumComputer "der interessanteste Ansatz, der mir in den letzten zehn Jahren untergekommen ist". Für Architekturberater Friedrichs ist er Systemführer - spätestens in 20 Jahren werde er sich durchgesetzt haben. Leicht wird das allerdings nicht: Zu viel Geld haben die am Markt etablierten Firmen in die Entwicklung ihrer Einzelsysteme gesteckt. Nüchtern, seiner Sache aber sicher, sieht sich Hovestadt einen steinigen Weg gehen: "Die werden uns bekämpfen. Denen nehmen wir das Geschäft weg."