Für manche, die derzeit darüber reden, auch für Michael Sommer, den neuen DGB-Chef, dürfte der Wunsch Vater des Gedankens sein. An einem Unionskanzler, bei dem die SPD die Assistentenrolle spielt, könnte man sich auch wieder schön reiben. Oder? Schließlich ist es auch kein Geheimnis, dass Schröder 1998 ein Bündnis mit den Christdemokraten vorgezogen hätte. Und heute? Beim Parteitag der SPD hat Schröder den grünen Partner an seiner Seite behandelt, als wäre er Luft - inklusive "Joschka" mit seinen Meriten. Die Differenz zu den "anderen" wollte er klar machen, ohne wiederum den Schluss zuzulassen, das verbiete beinahe einen Pakt mit der CDU. Nicht einmal die Option FDP möchte er definitiv ausschließen. Da Schröder schließlich auch auf einen politisch genaueren, gar experimentierfreudigen Ausblick auf die nächsten vier Jahre verzichtete, kann man sagen: Er hat sich nichts verbaut, der "klassischen" SPD hat er eine Plattform gebaut, er hat seine Koalition aber auch nicht beherzt verteidigt als Modell für die nächsten Jahre. Hinzu kommt, dass die Sozialdemokraten im Zweifel die CDU der FDP vorziehen, und Stoibers Union gerät in den Strudel der Debatte über den Partner im Guidomobil, mit dem sie regieren soll. Es wird auch für sie hochnotpeinlich. Das alles trägt zum Geraune über die Große Koalition, diese große Illusion, naturgemäß bei.

Der Kandidat ist abgetaucht

Wie immer man die erste Große Koalition von 1966 bis 1969 bewertet, damals ist damals, heute ist heute. Eine Große Koalition wäre nicht "stark", und sie setzte auch das falsche Signal. Der Blick zu den europäischen Nachbarn lehrt es. Das Problem ist doch gerade, dass der Unterschied zwischen den Mitteparteien schwand. Derart diffus wurde das Bild, dass man meinen konnte, die politische Bühne sei leer. Und die haben dann "Populisten" besetzt. Warum dazu auch hier einladen? Jetzt schwört Schröder nicht mehr allein auf "Er oder ich", jetzt markiert er, reim dich, oder ich fress dich!, Unterschiede, was nach drei Jahren der Konsensdemokratie ein verflixt schwieriges Kunststück ist. Und doppelt kompliziert, weil der Kandidat Stoiber dabei nicht hilft. Er ist einfach abgetaucht - die neue Unsichtbarkeit in Person. Auf diese Bühne möchten Westerwelle und sein Düsseldorfer Ghostwriter springen. Wir sprechen die Wahrheit aus gegen das Schweigekartell! Die Falle ist aufgestellt: Eine Große Koalition würde den Generalverdacht, den die "Riesenstaatsmänner" der FDP pflegen, nur bestätigen. Nichts spricht dafür, dass eine rigorose Sparpolitik - im Sinne Hans Eichels - nur in einem Pakt der Großen durchzusetzen wäre. Ohnehin soll Politik nicht in der Gewissheit breiter Mehrheiten überrumpeln, sie kann auch mit knappen Mehrheiten überzeugen. Und was den Balanceakt zwischen Modernisierung des Sozialstaates und Kontinuität, zwischen differenzierter Kritik an der Globalisierung und Verzicht auf alten "Protektionismus" angeht - da ist die rot-grüne Koalition in Gefahr, sich selbst zu unterschätzen. Niemand hindert sie daran, Profil zu zeigen oder Stoiber an eigenen Vorgaben zu messen. Regierung und, bitte, auch die Opposition sollten sich lieber jetzt mit Politik ehrlich machen, statt auf ein Bündnis zu hoffen, das ihnen dann angeblich Ehrlichkeit erlaubt.

Um Missverständnisse zu vermeiden: Das Konsensdemokratische Schröders war und ist nicht grundsätzlich falsch. Es war auch nicht schlicht erfolglos. So, wie man sich auch keinen Stoiber wünscht, der den Strauß mimt. So nebenbei muss man sich allerdings fragen, ob die Medienwelt eine Politik ohne Lärm und Buhei überhaupt noch ernst nimmt und weshalb sie das Spiel mit den Schuhsohlen so lange mitgespielt hat. Auch sie wird wieder genauer hinsehen müssen. Konsens heißt nicht Kartell und Konflikt nicht blinde Polarisierung. Beides, Konflikt und Konsens, lässt sich verknüpfen. Falsch ist es nur, wenn die Konsenssuche im Verwalten des Status quo stecken bleibt, wenn sie also Konflikte um Alternativen behindert. Falsch ist es, wenn die Opposition nur nein sagt (Migrationsgesetz, Tariftreuegesetz, Verbraucherinformation), aber nicht zum Wettbewerb um Politik einlädt. Falsch ist die mentale Große Koalition, die herumwabert. Keiner muss uns die großen Kontroversen vorspielen, wo es sie nicht gibt, Politik ist nicht Kriegsführung. Aber - es lebe der kleine Unterschied!

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