Die eine Binsenwahrheit deutscher Sicherheitspolitik ist längst Allgemeingut geworden: Gegen einen massiven Angriff aus dem Osten müssen wir uns nicht mehr wappnen. Die andere Binsenwahrheit tritt erst allmählich zutage: In einer globalisierten Welt ist auch die Unsicherheit globalisiert - und noch sind wir erst am Anfang, dagegen Vorkehrungen zu treffen. Hier liegt eine drängende, vielleicht sogar die dringendste Aufgabe für den nächsten Bundestag und die nächste Bundesregierung.

Was globalisierte Unsicherheit bedeutet, hat der 11. September 2001 überdeutlich offenbart: Ausgebildet im fernen Afghanistan, von einem internationalen Netzwerk gesteuert und finanziert, führt eine kleine Schar von Terroristen einen militärischen Schlag gegen das politische und das finanzielle Nervenzentrum der westlichen Welt. Fast erinnert es an die Fantasien des Krimiautors Ian Fleming, die in unzähligen James-Bond-Filmen verewigt sind, nur dass der Schurke in der Wirklichkeit nicht Goldfinger oder Dr. No heißt, sondern Osama bin Laden.

Wirtschaft, Kapital und Kommunikation operieren seit langem global, aber auch Mafia und Terror tun es. Geografie gewährt keinen Schutz mehr. Was in den Krisengebieten des Nahen Ostens, Zentral- und Südasiens geschieht, kann das stabile Europa wie das bisher so unverwundbare Amerika in ihrer Sicherheit unmittelbar berühren. Und viele der neuen Gefährdungen werden mit ähnlicher Überraschung über uns kommen wie die Angriffe auf das World Trade Center - anders als der Aufmarsch feindlicher Heere oder die Aufstellung feindlicher Raketen, die rechtzeitig von Spionen und Aufklärungssatelliten ausgemacht werden können.

Darauf muss deutsche Sicherheitspolitik sich künftig einstellen. Und das heißt vor allem eins: Die Instrumente deutscher Sicherheit müssen besser gebündelt, die Handlungsfähigkeit der Regierung in der Krise muss neu gewährleistet werden. Das verlangt eine radikale Umstellung. Denn noch sind die sicherheitspolitischen Instrumente unseres Landes auf die Abwehr traditioneller, vertrauter Feinde zugeschnitten. Jetzt muss staatliche Macht so organisiert werden, dass sie auch mit unerwarteten Feinden fertig werden kann.

Krisenintervention statt Verteidigung der Grenzen

Die Globalisierung der Unsicherheit verwischt die Grenzen zwischen innerer und äußerer Sicherheit; sie macht die bisherige Abgrenzung zwischen den Ressorts für Außen-, Entwicklungs- und Verteidigungspolitik obsolet. Und sie verlangt eine überzeugende Antwort auf die Frage, wie im Falle von ernsten, oft rascheste Reaktion erfordernden Krisen die Entscheidungsbefugnis der Exekutive und die Mitwirkung des Parlaments daran neu geordnet werden können.

Dies sind deshalb die drei neuen Herausforderungen deutscher Sicherheitspolitik: Krisenvorbeugung, Krisenmanagement und Krisenintervention. Nur der Letzteren hat sich die Bundesrepublik bisher annähernd gestellt: der Reform der Bundeswehr.