Ein Künstler, wenn auch keiner mit dem Präfix Koch-, und keiner mit einer weißen Toque auf dem Kopf. Er hatte damals ein spezielles Restaurant eröffnet oder benutzte die Räume einer Düsseldorfer Galerie, um für Gäste zu kochen. Ich habe die Gelegenheit verpasst, hinzufahren, und kann nicht mit Sicherheit sagen, welche Version nun zutrifft. Ist auch egal. Interessant war jedenfalls, dass er Kutteln kochte, weil er Kutteln für eine zu Unrecht missachtete und somit unterschätzte Speise hielt. Damit wurde ich zu einem Anhänger Spoerris.

Seine Affirmation des Essens kulminierte in einer Spezialität, mit der er damals berühmt wurde, die Fallenbilder . Das waren verwüstete Wirtshaustische mit allen Spuren eines primitiven Mahls: abgegessene Teller, klebrige Weingläser, volle Aschenbecher, benutztes Besteck und was sonst noch übrig bleibt, wenn angeheiterte Bohemiens einen Tisch verlassen. Diese Denkmäler anarchischer Lebenslust fixierte er so, wie sie waren, und zeigte sie in Galerien, dann in Museen.

Man sollte mich nicht verdächtigen, dass meine Zuneigung zu den Werken Spoerris nur ihrer Nähe zu wüsten Gelagen entsprang. Niemand liebt einen Künstler wegen einer einzelnen Großtat. So wirken Spoerris Fallenbilder auch nicht einzeln und auf einen Einzelnen, weil dieser in dem festgeklebten Weinglas Reste eines Rotweins erkennt, mit dem er sich täglich betrinkt.

Es existiert, dem Wurzelwerk der Pilze vergleichbar, ein unterirdisches Flechtwerk, das von Spoerri zum Dadaismus zu Duchamp zu Luginbühl zu Topor zu Niki de Saint-Phalle führt, wobei einige Galerien als Etappen dienen und exzentrische Damen nicht fehlen. Kurz, der übliche Kunstbetrieb mit den für Insider so anregenden Personen, Adressen und Ereignissen.

Es spricht für die Bedeutung Daniel Spoerris, dass ihm das Pariser Museum Jeu de Paume am Place de la Concorde in den vergangenen vier Wochen eine Einzelausstellung widmete. Das Thema der Show hieß Restaurant Spoerri, und als Attraktion waren mehrere Abendessen angekündigt worden, bei denen zahlende Kunstfreunde sich vom Meister bekochen lassen konnten. 85 Euro pro Person, einschließlich Wein, das schien mir ein verlockendes Angebot. Also enterte ich den schnellen TGV und erreichte den Gare de Lyon nach dreistündiger Zeitungslektüre.

Als ich den Bahnhof verließ, war es Mittagszeit, und ich geriet in eine aufgeregte Menge, die sich anschickte, gegen Le Pen zu demonstrieren.

"Was sollen wir machen?", fragte meine Kofferträgerin beunruhigt.