Im Jahr 1954 taten sich die Verlage zu einer freiwilligen Selbstkontrolle unter dem Zeichen des American Comics Code zusammen, und das Medium wurde sauber. Sehr sauber. Superhelden statt Gangster und Geistern, das hieß klare Unterscheidung von Gut und Böse, das hieß ein Empfinden des Körpers, bei dem niemand so schnell an sexuelle Perversion denkt, das hieß: eine Gesellschaft, die ihre Moral nicht von innen her in Frage stellt, sondern von äußeren Beschützern garantieren lässt. Es gab Bereiche der Wirklichkeit, die man einfach nicht mehr zeigte: Küsse, Alkohol, Toiletten, Krankheit, Revolte, Schmutz, Zweifel an Autoritäten, Metzgereien. Was übrig bleibt ist die gute Familie und die gute Nation. Aus diesem Geist wirkten Superman, The Flash, The Green Lantern in bewohnbaren Traumwelten voll suggestiver Schurken und strahlender Helden. Die Gewalt wurde kosmisch und sauber, die Protagonisten hatten fantastische Kostüme an, die den Körper vollständig verbargen und ihn zugleich - "wie eine zweite Haut" - heroisch neu erfanden.

Superhelden gab es natürlich schon vor der Einführung des Comics Code, aber in den fünfziger Jahren wucherte das Genre so sehr, dass es zu einer Zeichensprache wurde, mit der die meisten amerikanischen Kinder lesen, sehen und denken lernten. Superhelden-Comics waren eine Erlösung für die Kleinen, die in einer reichlich kranken Gesellschaft heranwuchsen, in Familien, in denen Vater von seiner Kriegserfahrung geprägt war, Mutter ihre unerfüllten Hoffnungen zum Friseur trug, und die in der Schule aufgefordert wurden: "If mommie is a commie, than you got to turn her in." Nein, in so einer Welt war nicht zu leben, also hinaus, entweder mit den Cowboys in die Weiten des alten Westens oder in den Luftraum über der Stadt mit den Superhelden! Superhelden bekämpften Weltverschwörer, Unterwanderer und wahnsinnige Wissenschaftler, gewiss, aber sie bekämpften tief innen noch viel gefährlichere Feinde: die Einsamkeit, das Misstrauen, die Undeutlichkeit der Welt, die Zumutungen des Fleisches.

Dieser Mythos hat seine Krisen und Erneuerungen. Zur zweiten Generation gehört ein gewisser Spider-Man, der seine Herkunft aus den sechziger Jahren so wenig verleugnen kann wie Superman die seine aus der Zeit des Weltkrieges. Entwickelt wurde er von Stan Lee, der zusammen mit Zeichnern wie Jack Kirby und Steve Ditko den "Marvel-Stil" für seinen gleichnamigen Verlag entwickelte. Es waren Männer, die den Markt, auf dem sie sich befanden, ebenso gut kannten wie die Märchen der Welt und Freuds Totem und Tabu.

Spider-Man geht über das schlichte Konzept hero with problems hinaus. Das ausgeprägt "realistische" Privatleben, aber auch eine neue Form, Bewegung darzustellen, führen zu einer anderen Form der Identifikation. Superman ist ein Erlöser, allenfalls ein "großer Bruder", Spider-Man, Spidey für Freunde, Peter Parker im Privatleben - ein Superheld wie du und ich. Das überdeckt nicht einen Kern im Wesen der Marvel-Helden: Einsamkeit, Selbstzweifel und ausgeprägte Schwächen.

1971 wurde in Amazing Spider Man eine Geschichte über Drogen in Peter Parkers Freundeskreis erzählt, und zum ersten Mal erschien ein Superhelden-Heft ohne das Siegel der freiwilligen Selbstkontrolle, da der Code ja jede Darstellung von Drogen verbot. Spider-Man war es gelungen, aus dem langen Schatten des Saubermanns Frederic Wertham und seiner Projektion der "Unschuld" zu treten. Es begann ein langer, windungsreicher Weg zurück zur Wirklichkeit, in dessen Verlauf die Superhelden allesamt in eine heftige Sinnkrise gerieten, auch Spider-Man verlor definitiv die Lust am Heldenspiel. Daraus entstand so etwas wie die Endzeit der Superhelden, das melancholische Spät-stadium eines einst naiven und optimistischen Genres. Superhelden-Comics hätten damals verschwinden können, wie der Western verschwunden war, zumal das Comic-Medium selbst durch die neue Konkurrenz von Computerspielen auch in eine neue ökonomische Krise geriet. Aber da war eine neue Generation, die sich wieder eindeutige Helden wünschte. Und jetzt ist es das Kino, das einen neuen Olymp für die (beinahe) gefallenen Halbgötter schafft. Sam Raimis Spider-Man ist nicht nur wieder einmal der erfolgreichste Film aller Zeiten, die Adaption rettet wohl auch einen Comic-Kosmos davor, in manieristischer Selbstreflexion oder Trivialisierung zu versinken.

Die Spinne in der Sinnkrise

Spider-Mans Ursprungsgeschichte ist auch im Film denkbar einfach: Der junge Collegestudent Peter Parker (Tobey Maguire) wird von einer radioaktiven Spinne gebissen und bekommt dadurch seine fantastischen Fähigkeiten. Er schwingt sich an seinen Spinnennetzen, die er aus den Düsen in seiner Hand schießen kann, über die Straßen der Stadt. Das Vertikale ist seine Domäne, gern hängt er auch kopfunter vor Freund und Feind, um sie in einen ironischen Dialog zu verwickeln. Anders als ein ähnlich urbaner Held wie Batman hat sich Spidey dabei eine Form der kindlichen Reinheit erhalten; er ist einer, der es geschafft hat, dass die Abgründe, in die er blickt, nicht in ihn zurücksehen. Ein Spinnenkostüm hat eben auch sein Gutes.