Rückblick: Seoul, Mittwoch, 29. Mai

Im Convention Centre des Hilton Seoul ruft Joseph S. Blatter, gerade wiedergewählter Präsident des Fußballweltverbandes Fifa, zum Kinderreigen auf. Blatter spricht von der Fifa gern als der Familie des Fußballs. Monatelang war die Familie buckelig, heillos zerstritten. Weil die Opposition, angeführt unter anderem vom Generalsekretär Michel Zen-Ruffinen, viele Indizien und Beweise gesammelt hatte und Blatter Korruption und Misswirtschaft vorwarf. Im Hilton Seoul schaffte Blatter die Wende. Wie, wird wohl nicht so schnell ans Licht kommen. Aber jetzt triumphiert er vor dem Kongress und sucht die Symbolik aus Kindertagen. "Stehen Sie auf!", ruft er den Fußballfunktionären zu, "stehen Sie auf und fassen sich bei den Händen, do it, do it, we are one family!" Kaum einer im Saal entblödet sich. Blatter greift sich dabei auch den Widersacher Zen-Ruffinen, der neben ihm steht, obwohl jeder weiß, dass er ihn bald rauswerfen wird. Der Kongress tanzt, die Delegierten spielen vor, wie man Einigkeit spielt. Der Weltverband als Wille und Vorstellung.

Seoul, Donnerstag, 30. Mai

Eröffnungsspiel in Seoul, der Weltmeister aus Frankreich unterliegt Senegal. Ein begeisterndes Spiel, mit Momenten, die nur auf der Bühne und dem Rasen stattfinden. Knapp 64 000 Menschen sind im Stadion, ein paar Franzosen sind da, ein paar Senegalesen, insgesamt vielleicht 1000 Menschen. Die singen, schreien, stöhnen. Die anderen schauen auf die Anzeigetafel, wo eine digitale Farbskala die Lautstärke im Stadion anzeigt und auffordert zu singen: "La, la, la!" Die Fans bleiben stehen nach dem Abpfiff, die Zuschauer gehen. Reicht die Begeisterung der Südkoreaner nur für 90 Minuten? Oder erwischt man sie eher im Wohnzimmer? Im Fernsehen jedenfalls wird nahezu jedes Produkt in Zusammenhang mit Fußball beworben. Immer sind begeisterte Koreaner zu sehen. Ist am Ende die gesamte WM hier auch nur eine Welt aus Wille und Vorstellung?

Es ist so in Südkorea: Die Städte der WM sind reich beflaggt. Aufgeregt flattert die WM im Wind an den Laternenmasten. Auf zentralen Plätzen stehen Großbildleinwände, wie auf dem Millennium Plaza von Seoul. Gesponsert wird der Platz von der Telekommunikationsfirma KT, und das sieht man. Ein Auto ist zu gewinnen, es steht zwischen dem Gebälk eines Fußballtores, Handys sind zu kaufen, Fast Food und Bier. Leidenschaft ist nicht im Angebot. Und die Leinwände auf den öffentlichen Plätzen bleiben dunkel, die Fifa verlangt einen Nachschlag für die Übertragungsrechte von bis zu 100 000 Euro pro Spiel. Man hat den Eindruck, dass hier zwei Veranstaltungen stattfinden. Da ist die Fußballweltmeisterschaft mit den Spielen. Und da ist das Imitat einer Weltmeisterschaft. So könnte es aussehen, wenn ein Event auf der Playstation entwickelt würde. Mit Fehlern: Außerhalb Seouls sind die Städte kaum auf fremdsprachige Gäste vorbereitet. Das spricht fürs Selbstbewusstsein der Koreaner und auch dafür, dass sie nicht recht wussten, was mit der WM auf sie zukommt, dass sie nicht wirklich wussten, was so eine WM ist. Es klappt alles reibungslos in diesem Land, in dem alles auf Zwecke ausgerichtet zu sein scheint, in dem es keine städtebauliche Ästhetik gibt, nur Funktionalität. Computer- und Transportprobleme, das sind hier keine Probleme.

Das können sie - und sie haben gelernt, dass zum Fußball die Fans gehören und deren Freude: 32 koreanische Konzerne unterstützen jetzt je eine der teilnehmenden Mannschaften. Sie haben Nationaltrikots angefertigt, den Firmennamen mit aufgeflockt und verdienten Mitarbeitern ausgehändigt. Und die sitzen dann mit Freikarten im Stadion und entrollen große Transparente, auf denen zum Beispiel steht: "Ulsan citizen supports Denmark. Hyundai." Wenn dann der Uruguayer Rodriguez einen langen, aber doch völlig harmlosen Pass auf den Flügel schlägt und die südkoreanischen Dänen entsetzt aufschreien, dann wird der Verdacht Gewissheit, dass das Gros dieser Supporter noch nicht viele Fußballspiele gesehen hat. Ist es aber nicht auch so, dass der Fußball resistent ist gegen all die bemühte Künstlichkeit? Der Turnierverlauf spricht dafür. Und gegen alle Vorhersagen hat das deutsche Team dabei mitgeredet.

Miyazaki, Sonnabend, 1. Juni