P H I L O S O P H I E   I Von der Einfühlung des Gedankens

Tilitzkis Geschichte der Philosophie von 1918 bis 1945 übergeht den Zivilisationsbruch und verkennt den Beitrag jüdischer Denker

Christian Tilitzkis von Karlfried Gründer und Ernst Nolte betreute Dissertation stellt in enzyklopädischer Form sämtliche Philosophiehabilitanden und -professoren in ihren Universitätsakten, Werken und Briefen vor. Die akribische Aufmerksamkeit gilt besonders den äußerst differenziert ausgebreiteten Weltanschauungen, die die Philosophen in diesen 27 Jahren vertraten. So kommen neben bekannten Namen wie Heidegger, Scheler, Freyer und Gehlen berüchtigte Philosophen wie Alfred Baeumler und Ernst Krieck und viele völlig vergessene Denker vor, die aber wichtig sind, um das Bild nicht nur aus kräftigen Strichen, sondern mit vielen Zwischentönen zu zeichnen. Darüber hinaus: Viele von ihnen wurden nach dem Krieg wichtige Figuren der deutschen Philosophie.

Ich kenne keine Studie, und darin bestätigt mich die parallele Lektüre von Norbert Kapferers Fleißarbeit über die Nazifizierung der Philosophie an der Universität Breslau, die auch nur in Ansätzen das Wissen um die deutschen Philosophen und ihre Philosophien zwischen 1918 und 1945 derart erweitert und kontextualisiert wie die vorliegende. Tilitzki geht es nicht um die Plausibilität des Gedachten, sondern um seine Kontinuität. Damit "rettet" er, so seine Annahme, die Pluralität des Denkens vor 1933 in das "Dritte Reich". Der Forschung wirft er gleichzeitig vor, sie übertrage der Zeit fremde Kategorien, um sich moralisch entrüsten zu können.

"Statt nachholender Ideologiekritik ist die Vielfalt der zumeist durch jeweils aktuelle Ereignisse angeregten politischen Aussagen empirisch zu erschließen", so Tilitzkis methodische Prämisse. Um also ein "authentisches" Bild der Universitätsphilosophie im genannten Zeitraum zu erhalten, müsse die "Erforschung der deutschen Zeitgeschichte" von "politisch-pädagogischen Rücksichtnahmen" befreit werden. In der Folge sei es unabdingbar, "vielfach revisionistische Bereitschaft" zu zeigen, um den besonderen Rahmenbedingungen Genüge zu tun, unter denen Philosophie im genannten Zeitraum gelernt und gelehrt wurde.

Die Rahmenbedingungen: Prägungen durch den Ausgang des Ersten Weltkrieges; die Vormachtstellung neukantianischer Schulströmungen; die Vorbehalte der Dozenten gegenüber der Weimarer Republik; die relative Freiheit der in Deutschland verbleibenden philosophischen Eliten, die nach 1933 ihre Programme fortsetzen können, die sie zuvor schon verfolgten; die verschwindend kleinen Anteile an dezidiert nationalsozialistischen Philosophiedozenten und die Verluste im Lehrkörper, die durch die Gesetze der Nationalsozialisten erzwungen wurden.

Tilitzki ist nicht nur ein Aktenkenner, ein genauer Rechercheur und Quellenpositivist - Arbeiten jüdischer Forscher nennt Tilitzki allerdings nicht -, sondern ein sehr sorgfältig arbeitender Philosophiehistoriker, der jederzeit auf der Höhe des Gegenstandes argumentiert. Das heißt, er legt eine historische und philosophische Deutung seines Untersuchungsgegenstandes vor. Und zwar eine, die vollkommen von den Topoi der "politischen" Philosophie angeleitet ist, welche in der behandelten Zeit ausgeprägt wurden.

Seine Rekonstruktion der deutschen Universitätsphilosophie beruht im Wesentlichen auf Ernst Noltes Theorem, wonach die Auseinandersetzungen und Bedingungen, in denen die deutschen Philosophen sich zwischen 1918 und 1945 befanden, durch die "globale Dimension" des "Weltbürgerkrieges" vorgegeben waren. Nicht Hitler verfügte "über ein schlüssiges Konzept zur Erringung der Weltherrschaft", so Tilitzki, sondern Roosevelt: Er habe schließlich "die bis heute fortgeltende Globalvision der ‰Menschheit in einer Gesellschaft'" vertreten.

Tilitzki verfehlt von Beginn an jede Form historischer Objektivität, wenn er seine Hermeneutik als Einfühlung konstruiert. Auf all den Seiten ist keinerlei Distanz erkennbar. Stattdessen wird der Leser stets auf einen "rationalen Kern", besonders der Philosophien im "Dritten Reich", hingeführt, um dann sagen zu können: Da ist doch gar nichts Nationalsozialistisches! Glaubte irgendjemand wirklich, es sei der Überfall auf Polen oder die Vernichtung der europäischen Juden explizit durch Hegel erklärt worden? Weil Tilitzki suggeriert, die gesamte Forschung habe bisher versucht, in jeder Zeile, die zwischen 1933 und 1945 verfasst wurde, "Nationalsozialismus" nachzuweisen, kann er darauf verweisen, dass der Rassismus nur "ein Element" der wirklichen nationalsozialistischen Philosophie ausgemacht habe.

Aber all das ist letztlich nur möglich, weil er kein Interesse an den politischen Vorgängen des "Dritten Reiches" hat, vielmehr eine große Feier für die Autonomie der Philosophie abhalten will: 1933 - kein Wort über den Zivilisationsbruch, schließlich konnten Juden bis 1937 promovieren; 1939 bis 1945 - kein Wort über den Zweiten Weltkrieg, stattdessen viele über die Erneuerung der deutschen Philosophie. Wer die methodischen Annahmen Tilitzkis dechiffrieren will, der liest am besten Ernst Noltes Geschichtsphilosophie Historische Existenz von 1998.

Aus seinem methodischen Vorgehen erklären sich erst die "Materialfehler". Denn der Ideologe Tilitzki bringt sich gezielt um den vermeintlichen Ertrag seiner Anstrengungen, weil er für die Beschäftigung mit den Jahren vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zur Machtergreifung der Nationalsozialisten bereits mit den Maßstäben misst, die er sich für das "Dritte Reich" zurechtlegt.

So wird der bekannte Streit zwischen Bruno Bauch und Ernst Cassirer (1916/17) über die "deutsche Nation" unter anderem deswegen grotesk verzeichnet. Nicht nur, weil Tilitzki keine Ahnung von der jüdischen Kant/Fichte-Rezeption der Zeit hat, nichts zu berichten weiß von den Zusammenhängen mit der so genannten "Judenzählung" und der scharfen Debatte zwischen Hermann Cohen und Ernst Troeltsch um das "Ethos der hebräischen Propheten". Sondern auch deshalb, weil er in dem Philosophen Bruno Bauch nur ein sich zu Recht wehrendes Opfer zu sehen vermag, das sich gegen die Übermacht der Konkurrenz aus Marburg und Berlin verteidigt. Tilitzki lässt die - wie der Kant-Forscher Heimsoeth 1917 an Hartmann schrieb - "verjudeten" Kant-Studien von Cohen, Cassirer und anderen nochmals gegen die "deutsche" Philosophie antreten - und dieses Mal gewinnt Bauch.

Ein weiteres Beispiel: Zwar kennt Tilitzki jede Nuance im Spinoza-Streit während des "Dritten Reiches", doch zu den zahllosen Publikationen zu Spinoza während der Weimarer Republik, die unter dem Label "Identität" laufen, findet man nicht eine Zeile. Leo Baeck, David Baumgardt, Leo Strauss und zahllose andere jüdische Intellektuelle haben sich mit der schwierigen Frage nach dem Status von Baruch oder Benedictus Spinoza herumgeschlagen und offen und fair gestritten. Wer nur das Freund-Feind-Schema kennt, beim Begriff "Menschheit" lediglich Carl Schmitts "Wer Menschheit sagt, will betrügen" mitdenkt, wenn er die Debattenlandschaft Weimars darstellen soll, der will auch keine Gelegenheit wahrnehmen, darüber nachzudenken, dass sein Schema nicht tragen könnte.

In ersten Reaktionen auf Tilitzkis Standardwerk haben die beiden besten Kenner der Texte aus fraglicher Zeit, der Freiburger Romanist Frank-Rutger Hausmann und der Hamburger Soziologe Stefan Breuer, versucht, die Archivarbeit und den Revisionismus des Autors getrennt zu bewerten. Doch das ist falsch. Es bedarf in diesen Wochen einer besonderen Vorsicht, den Vorwurf des Antisemitismus zu erheben. In Tilitzkis Vorgehensweise aber finden sich Merkmale jenes intellektuellen Antisemitismus, der jüdische Denker nur als abstrakte denunziert und ihre universalistische Ethik als leere Formen - während Einrichtungen wie das berühmte Frankfurter Lehrhaus von Franz Rosenzweig oder das jüdisch-theologische Seminar in Breslau für ihn offenbar nie existiert haben. Daher muss die Kritik an seiner Methode und seiner Interpretation ansetzen, und folglich müssen die zahllosen Ungeheuerlichkeiten, die sich vornehmlich in Fußnoten finden, als Teil der Textstrategie verstanden werden.

Mit welchem Kalkül hat der Verlag von Aby Warburg und Harry Frankfurt dieses Buch verlegt?

Christian Tilitzki:
Die deutsche Universitätsphilosophie in der Weimarer Republik und im Dritten Reich
2 Teilbände; Akademie Verlag, Berlin 2002; 1475 S., 165,- EUR

Norbert Kapferer:
Die Nazifizierung der Philosophie an der Universität Breslau 1933-1945
Lit Verlag, Münster 2002; 264 S., 45,90 EUR

 
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