Gestatten: Robert Spieler, studierter Politologe, Personalberater im deutsch-französischen Arbeitsmarkt, Bewunderer von Dante, Goethe, Gramsci und Stefan Zweig. Ein bißchen ölig im Umgang. Seit Anfang der achtziger Jahre ist Spieler eine Schlüsselfigur der elsässischen Rechtsextremisten. Mal mit und mal gegen Jean-Marie Le Pen und immer gegen Einwanderer. Mit Le Pen verträgt er sich zurzeit blendend. Das verschafft Spieler, der das Elsass vor einer angeblich drohenden Überschwemmung durch 64 Millionen türkische Zuwanderer und andere Muslime retten will, eine einzigartige Rolle im gegenwärtigen Wahlkampf um die Sitze in der französischen Nationalversammlung: Gleich drei rechtsextremistische Parteien, die sonst bis aufs Messer zerstritten sind, haben den vollleibigen 50-Jährigen im Wahlkreis Straßburg-Süd zu ihrem gemeinsamen Kandidaten bestimmt.

Zum ersten Mal seit langem haben Spieler und seine Gesinnungsgenossen in Frankreich Aussicht auf Abgeordnetenmandate: In rund 300 von 577 Wahlkreisen könnten sie am kommenden Sonntag in die Stichwahl kommen. Besonders fest sind die Rechtsextremisten in zwei Gegenden verankert: in den Mittelmeerdepartements, wo die Enkel der italienischen und spanischen Einwanderer sich von den Kindern der nordafrikanischen Zuwanderer bedroht fühlen, und an der Grenze zu Deutschland. Im Elsass hatten Ende April bei der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen knapp ein Drittel der Wähler für Rechtsextremisten gestimmt - mehr als irgendwo sonst in Frankreich (Landesdurchschnitt 20 Prozent). Eine große Meinungsumfrage der Tageszeitung Le Monde Ende Mai deutet darauf hin, dass die Elsässer nicht grundsätzlich anders abstimmen als ihre Mitbürger aus dem übrigen Frankreich - sondern bloß konsequenter. 28 Prozent der befragten Franzosen gaben an, sie seien "ganz oder weitgehend" mit den autoritären und fremdenfeindlichen Ideen von Le Pen einverstanden. Ein bemerkenswert rascher Zuwachs seit 1999 (11 Prozent) und 2000 (17 Prozent).

Ortstermin in Straßburg-Musau, Cité Ampère, eine idyllische Siedlung an diesem Montagabend. Der Rasen ist frisch gemäht zwischen den Mietshäusern, an den Balkonen hängen Blumenkästen, und in den Bäumen zwitschern die Vögel. Ein dunkelhäutiger Mann mit Kampfhund kommt an dem Kulturzentrum der Siedlung vorbei, grüßt ausnehmend höflich. Drinnen im Saal zeichnet ein älterer Kandidat der bürgerlichen Rechten vor zehn Zuhörern im Rentenalter ein beängstigendes Bild vom Leben da draußen, vor der Haustür: ein gesetzesfreier Raum seien die Neubausiedlungen, der Staat müsse endlich energisch durchgreifen. Straffällige Jugendliche sollten in Umerziehungszentren weggeschlossen werden. "Ehrliche Leute beschützen - Gauner bestrafen: eine Sache des festen WILLENS" verspricht er auf seinem Handzettel. Um kurz vor zehn Uhr kommt das bestellte Taxi. "Wenn es schon richtig dunkel wäre", sagt der Fahrer, "wäre ich nicht hierher gekommen."

Straßburg leidet an der Kriminalität - im vergangenen Jahr haben Jugendliche besonders in den Neubausiedlungen, in denen die Armen, die Arbeitslosen und die Einwanderer wohnen, 1598 Autos in Brand gesteckt. Die neue, bürgerliche Stadtverwaltung lässt die abgefackelten Wracks immerhin schneller wegräumen als ihre sozialistischen Vorgänger. Rein optisch hat sich die Lage unter ihrem Regime seit gut einem Jahr verbessert, statistisch nicht. Im Gegenteil: Die Zahl der Gewalttaten in der Stadt ist um 40 Prozent gestiegen. Ganze Straßenzüge in bestimmten Neubauvierteln sind der Kontrolle der Polizei entglitten. Im "elsässischen Kosovo", wie der Busfahrer das Häusergeviert am Rande des besonders verrufenen Neuhof nennt, sind die Fenster zerschlagen, in den Hauseingängen türmt sich der Müll. Durch die menschenleere Straße schießt ein großer silberner Mercedes mit einem Jugendlichen am Steuer, der sein Geld sicher nicht mit Brötchenverkaufen verdient. Wer hier nachts die Feuerwehr, einen Notarzt oder ein Taxi braucht, kann lange warten. Jeder Fahrer kennt Geschichten von einem Kollegen, dem Einwandererkinder in den Siedlungen die Autoreifen durchstochen, die Windschutzscheibe mit Steinen eingeworfen oder ganz einfach den Lack mit einem Eimer Ölfarbe ruiniert haben. Das erzählen sie auch den Kunden, die in anderen Stadtvierteln wohnen oder nur zu Besuch in Straßburg sind.

Die Deutschen kommen!

So breitet sich die Angst aus und steckt auch diejenigen an, die keinen Grund zur Klage haben, weil es in ihren Dörfern und Bungalowsiedlungen keine Armut gibt, keine Arbeitslosigkeit, keine Drogendealer und nicht einmal arabische Zuwanderer. Die meisten elsässischen Stimmen hat Le Pen bei der Präsidentschaftswahl nicht etwa in Straßburg bekommen, sondern auf dem Land, wo es den Leuten gut geht und wo die "Hergloffene" (Dazugezogenen) genauso leben wie die alteingessenen Elsässer. Das mindert die Angst vor Überfremdung allerdings keineswegs. Eine unveröffentlichte Studie des Regionalrats über die Präsidentschaftswahlen 1995 zeigt: Vor sieben Jahren hatte Le Pen in manchen Landstrichen bis zu 40 Prozent der Stimmen bekommen. Besonders groß war sein Erfolg in Gemeinden mit deutschen Zuzüglerfamilien, die aus steuerlichen Gründen im Elsass wohnen und täglich zur Arbeit nach Deutschland pendeln. In diesen Gemeinden hatten die Bürgermeister die Kampagne für Le Pen übernommen: Stellt euch vor, wir bekommen eines Tages einen deutschen Bürgermeister!

Das Elsass hat ein besonders widersprüchliches Verhältnis zu allem, was fremd ist. Das fängt mit den Deutschen an. Als die Grenzkontrollen über den Rhein eingestellt worden seien, erzählt ein Berliner, der in Straßburg lebt, seien die Elsässer vor Freude genauso zu Tränen gerührt gewesen wie die Deutschen beim Fall der Mauer. Das Elsass ist ein Grenzland mit einer starken eigenen Identität, die man dort lieber "germanisch" nennt als deutsch. Hier sprechen die meisten, nicht nur die Alten, noch im Dialekt. Außerhalb von Straßburg ist das Elsässische eine lebendige Sprache. "Wenn es um wichtige Themen geht oder wenn es gemütlich wird", hat der Neu-Straßburger beobachtet, "fallen die Arbeiter in der Fabrik, die Kunden auf dem Postamt oder in der Bäckerei automatisch ins Elsässische." Den Zuzüglern aus dem "inneren Frankreich", la France de l'intérieur - wie die Elsässer das Land nennen, zu dem sie sich nach der deutschen Besatzung 1870 so eindeutig bekannt haben, dass sie sich weigerten, Deutsch zu sprechen -, ist das unheimlich. "Die Sprache der Republik ist Französisch", steht in der Verfassung geschrieben. Warum reden die Elsässer dann immer noch diesen unverständlichen Dialekt?