Ohne Umschweife kommt Walser in Querfeldein auf die jüdisch-christlichen Wurzeln der europäischen Kultur zu sprechen. Ihre Herrschaft, schreibt er, sei für das Unglück der Gegenwart mit verantwortlich, denn der biblische Gott habe uns nicht besser, sondern schlechter gemacht. "Wir werden darauf eingestimmt, dass wir böse sind, wenn wir nicht das tun, was von uns verlangt wird. Von da an läuft alles verkehrt." Religion ist Unterwerfung, aber "Unterworfen sein macht böse". Unerträglich findet Walser, dass die religiösen Gesetze uns vom Ureigenen der deutschen Kultur, dem Vorchristlich-Germanischen, entfremden. "Da war in jedem Baum, in jeder Quelle ein anderer Gott. Unvorstellbar, daß unterm Schirm einer hingestreuten Göttervielfalt dem Planeten je hätte Gefahr drohen können."

Walsers Alternative ist von bewaffneter Klarheit. Wenn alle Religion Herrschaft über das Ureigene ist, dann müssen wir uns von der jüdisch-christlichen Unterdrückung befreien. Nicht nur der Einzelne, sondern, darauf kommt es in diesen Tagen an: auch die Nation. "Wir suchen nach universalistischen Rezepten, anstatt endlich von uns auszugehen. Nicht an andere sollen wir denken, sondern an uns. Nur dann haben vielleicht auch andere etwas von uns. (...) Bloß keine Ethik für alle ... Gleichgültig, was dadurch aus dem und jenem wird. Es sei denn, sie sind in Not. Aber in wirklicher Not." Walsers erlösende Formel lautet deshalb: Umwertung der christlichen Werte, Befreiung von den Zumutungen der Moral, Rückkehr zur ureigenen, deutschen Kultur. "Ich vertraue auf ältere Erbschaften." Das ist sein gutes Recht. Aber was folgt daraus?

Die Hure Babylon

Daraus folgt zum Beispiel ein Roman wie Tod eines Kritikers, in dem ein deutscher Dichter von der Herrschaft eines jüdischen Kritikers an der Entfaltung seines Ureigenen gehindert wird. Hans Lach, so heißt der Autor, liebt die Kultur und ist eigentlich ein guter Mensch. Leser kennen den deutschen Dichter Hans Lach schon aus Walsers Ein springender Brunnen. Damals hieß er noch Johann und wollte auch schon ganz für die deutsche Dichtung leben, woran ihn leider die Umstände hinderten. Als er von der Front zurückkam und erfährt, in welcher Angst eine jüdische Nachbarin gelebt hatte, wehrt er sich gegen das Mitgefühl, das ihm abverlangt wird. "Die Angst, in der Frau Landsmann gelebt hatte, engt ihn ein. Er will mit dieser Angst nichts zu tun haben. (...) Er wollte von sich nichts verlangen lassen." Johann möchte sich von der Erinnerung an jüdisches Leid nicht an seiner Entfaltung hindern lassen und ganz aus dem Eigenen leben. Und so schnallt er sich einen Rucksack mit ureigener deutscher Literatur auf und zieht gen Bundesrepublik.

Dort ist er nun angekommen, und den Rucksack trägt er in Tod eines Kritikers immer noch. Er ist bestimmt ein guter Dichter, aber der Kritikergott André Ehrl-König gibt ihm nicht den Hauch einer Chance. Ehrl-König wurde vom Weltschicksal aus dem französischen Nirgendwo ins Land geweht. Von seinem Jüdischsein macht er kein großes Aufheben, dafür ist er von Eitelkeit zerfressen, von keiner Mutter geliebt, intrigant und klein von Wuchs. Im Grunde, sagen viele Figuren, ist Ehrl-König nichts anderes als eine Mischung aus Sex und Intellekt. Weil er nichts Ureigenes hat, keine Tradition, saugt er an der deutschen Kultur und lässt sich von einem verirrten Linksprotestanten, den Walser als Walter Jens kenntlich macht, geistig durchfüttern.

Bizarr genug: Dieser Intellektuelle (Jens) baut einen jüdischen Kritikergott auf, um mit linker Gesinnung deutsche Literatur zu unterdrücken. Wenn der Druck im Meinungskessel nicht ausreicht, springt die amerikanische Ostküstenintelligenz hilfreich zur Seite. Dann kommt Martha Friday aus der Hauptstadt des Westens, aus New York, und hält unter Absonderung von Anzüglichkeiten das neueste Buch des jüdischen Romanciers Philip Roth drohend in die Kamera. Die Hure Babylon zeigt deutschen Dichtern, wie man Romane schreibt. Amerikanisch-jüdische Zivilisationsliteratur gegen deutsche Tiefe - das ist die Moralkeule, mit der André Ehrl-König die deutschen Meister in Schach hält.

Nein, Walsers Roman gibt dem Leser keine Rätsel auf. Viele Sätze, die der verkannte Dichter dem Starkritiker entgegenschmettert, gleichen aufs Haar den völkischen Parolen, mit denen die Schriftsteller Kolbenheyer, Grimm und Johst in der Weimarer Republik die "zersetzende Herrschaft" jüdische Literaturkritik mundtot machen wollten. (ZEIT Nr. 37/2000). Auch Walsers Ehrl-König duldet keine anderen Götter neben sich, und er kujoniert die deutsche Kultur im Namen einer "Aufklärungsmoral", die er sich zwecks Niederhaltung unliebsamer Gegner selbst ausgedacht hat. Willkürlich trifft er eine Unterscheidung zwischen guter westlicher und schlechter deutscher Literatur, um dann unter Berufung auf diese selbst gefertigte Unterscheidung deutsche Dichter ans Messer zu liefern. "Es ist schon eine schwertscharfe Einteilung, die Ehrl-König da in die Welt gebracht hat." Er fordert Wahrheit und will nur betrügen; er spielt Opfer und ist doch Täter. Zurück bleiben "Besiegte".