Hat Martin Walser, der schon in seiner Friedenspreisrede 1998 keine Rücksicht auf jüdische Empfindlichkeiten nahm, nun auch noch, in einer fatalen Vorwärtsbewegung, einen antisemitischen Roman über Marcel Reich-Ranicki geschrieben? Auf den Journalisten, die einstweilen als Einzige das Manuskript kennen, ruht ein Entlarvungsdruck, seit Frank Schirrmacher in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung seine Ablehnung eines Vorabdrucks mit allen Zeichen des Abscheus öffentlich gemacht hat.

Das Verfahren war, vorsichtig gesagt: unüblich. Über Bücher, die noch nicht öffentlich erschienen sind, soll nach allgemeinem Comment auch ein öffentliches Urteil nicht gesprochen werden. Noch unüblicher ist die Begründung Schirrmachers. Er habe die Ablehnung öffentlich machen müssen, um Reich-Ranicki vor der "Legende" zu schützen, den Vorabdruck verhindert zu haben. Warum? Was wäre an einer solchen Lesart gefährlich? Wieso sollte sich ein langjähriger Kritiker der Zeitung nicht gegen eine Schmähung im eigenen Blatt wehren? Mehr noch: Wäre es nicht selbstverständliche und darum stillschweigende Pflicht des Blattes, Derartiges ohnehin auszuschließen?

Die Begründung ist nur verständlich, wenn ihr eine der antisemitischen Gedankenfiguren schon zugrunde liegt, die Schirrmacher in dem Roman entdecken will: dass es eine jüdische Meinungskontrolle gebe, die jede Kritik unterbindet. Hat Walser diesen Gedanken wirklich geäußert? Schirrmachers Verteidigung seines Vorgehens wäre recht merkwüdig, wenn er sie nur ausführte, um eine solche Denkart Walser zu unterstellen.

Von Walser selbst ist Aufklärung nicht zu erwarten. Er hat zwar schon Interviews gegeben, darunter ein langes im Spiegel, die aber in ihrer Unschuld schillern, wie bei anderen Menschen nur ein schlechtes Gewissen schillern kann. Martin Walser ist ein Meister des Missverständnisses. Man muss leider sagen: Er pflegt es mit Hingabe. Schon in dem fatalen Streit um seine Friedenspreisrede 1998 verblüffte der Schriftsteller vor allem durch den beredten Eifer, mit dem er das klärende Wort vermied. "Ein klärendes Wort, wäre das so schwierig gewesen, ein klärendes Wort?", hat ihn damals geradezu flehentlich Salomon Korn gefragt. Walser gab es nicht. Andere mussten aufdecken, dass seine Rede über die "Instrumentalisierung von Auschwitz" nicht die Entschädigungsforderungen von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen meinte, sondern die Praxis deutscher Intellektueller, den Holocaust zu Zwecken der Politik oder auch nur zur gegenseitigen Denunzierung einzusetzen.

Groß war die Entgeisterung, als zu dämmern begann, wie leicht sich der quälende Streit zwischen dem Schriftsteller und dem Zentralratsvorsitzenden der Juden in Deutschland hätte vermeiden lassen. Es ist wohl kaum übertrieben zu sagen, dass sich für Ignatz Bubis ein Schatten der Verbitterung über sein Lebenswerk der Verständigung legte. Die so genannte Walser-Bubis-Debatte war ein Lehrstück, gewiss; aber nicht vom rechten Umgang mit der Vergangenheit, sondern vom kindischen Trotz eines Dichters und von der Spektakelgier der Medien, die diesen Trotz gehegt, gepflegt und ausgestellt haben.

Denn das klärende Wort, das Walser nicht geben mochte, wurde von anderen sehr wohl und sehr früh formuliert; von dem Althistoriker Manfred Fuhrmann drei Tage nach der Rede in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, von dem Historiker Michael Wolffsohn eine Woche später, ebenfalls in der FAZ, und daher nimmt es Wunder, dass ausgerechnet diese Zeitung es damit nicht bewenden ließ, sondern in der Folge, als alle anderen schon erschöpft oder angewidert waren, die Auseinandersetzung weiter anheizte und zu ihrem vollen Kränkungspotenzial entfaltete.

Martin Walsers kurzes Röckchen