Berlin/München

Es war die 121. Sitzung, und es hätte die letzte sein sollen, zu der der Zeuge Franz Müntefering Mitte Mai vor dem Untersuchungsausschuss "Parteispenden" in Berlin erschien. Zum zweiten Mal hatte die Union den SPD-Generalsekretär geladen. Die erste Frage stellte der CDU-Obmann im Ausschuss, Andreas Schmidt.

Triumphierend, als halte er ein außergewöhnliches Beweismittel in der Hand, reckte Schmidt dem Zeugen die jüngste Ausgabe des sterns entgegen. Das Magazin zeigte den Kanzler fast nackt auf dem Titelbild. "Ich ziele auf einen ganz bestimmten Punkt, das werden Sie gleich sehen", drohte Schmidt und fragte, ob Müntefering die Berichterstattung über die Vernehmung des Waffenhändlers Karlheinz Schreiber vor drei Tagen in Kanada verfolgt habe.

Das Ziel dieser Schmidt-Aktion: Der CDU-Obmann wollte "beweisen", dass nur einer die Entscheidung getroffen haben konnte, nach der Vernehmung Schreibers nun auch noch Edmund Stoiber als Zeugen zu befragen - Franz Müntefering in der SPD-Zentrale. Stoiber selbst hat diesen Vorwurf am Dienstag bei seiner Vernehmung in München mit Nachdruck wiederholt. Müntefering entgegnete Schmidt dagegen gelassen: Er habe die Reise des Ausschusses nach Kanada im Fernsehen verfolgt, "da habe ich Sie gesehen. Das hat mir gereicht."

Nachdem die Parteispendenaffäre im März die Seite gewechselt hat und die SPD wegen der Machenschaften ihres Kölner Unterbezirks am Pranger steht, spielte auch der Untersuchungsausschuss mit vertauschten Rollen. Die CDU, die bislang mit Mann und Maus das eigene Tor verteidigt hatte, schlug plötzlich messerscharfe Flanken in den gegnerischen Strafraum. Die Sozialdemokraten übten sich dagegen in der hohen Kunst der Ballrückgabe. Herr Müntefering, fragte der Abgeordnete Joachim Stünker aus Langwedel, als die SPD an der Reihe war, "weisen Sie die Unionsvorwürfe genauso empört zurück wie ich?"

Nach zweieinhalb Jahren, nach mehr als 100 Sitzungen und rund 150 Zeugenvernehmungen, nach endlosen Stunden, Tagen und Wochen, die Stünker, Schmidt und 13 weitere Abgeordnete miteinander verbracht haben, ist der Untersuchungsausschuss am Ende zu einer Karikatur seiner selbst geworden.

"Wir sitzen alle in einem Boot", seufzt die PDS-Vertreterin Evelyn Kenzler, "das Boot hat ein Leck, aber wir versuchen noch, uns gegenseitig das Paddel auf den Kopf zu hauen."