Wird Deutschland zu einer Nation von Bildungsexperten? Ein halbes Jahr nachdem die Pisa-Studie deutschen Schülern mangelhafte Zensuren ausstellte, seitdem die Krise des deutschen Schulsystems auf unzähligen Tagungen beschworen und von Fachleuten aller Couleur mit Reformvorschlägen bedacht wurde, ist sie endgültig zum Thema der großen Politik geworden. Als Erste erkor die FDP Bildung zum Wahlkampfthema (siehe folgende Seite), vergangene Woche versuchte Edmund Stoiber mit der Berufung der baden-württembergischen Kultusministerin Annette Schavan in sein "Kompetenzteam" zu punkten, und nun will auch Kanzler Schröder Bildung zur Chefsache erklären.

Die bildungspolitische Betriebsamkeit ist nicht zuletzt dem 27. Juni geschuldet. Dann werden die Ergebnisse von Pisa-E veröffentlicht, dem ersten Leistungsvergleich zwischen den Bundesländern. Dass dessen Ergebnisse nach allen Regeln der Kunst instrumentalisiert werden, ist so sicher wie der Pausengong. Fragt sich nur, welche Interpretationen beim Wahlvolk ankommen. Was denken die Deutschen über ihre Schulen? Welche Themen bewegen Mütter und Väter zu Hause am Küchentisch oder beim Elternabend?

Einen Einblick in diese Stimmungslage liefert in dieser Woche das Institut für Schulentwicklungsforschung (IFS) der Universität Dortmund. Alle zwei Jahre meldet das IFS seit 1979 den Barometerstand der öffentlichen Meinung zur Schul- und Bildungspolitik. In diesem Jahr fällt das Ergebnis der Repräsentativbefragung von rund 3000 Bundesbürgern - zusammengetragen nach der Pisa-Studie, aber vor der Tragödie von Erfurt - drastisch aus: Nie war das Image der Schule miserabler.

Mehr Befragte als jemals zuvor, nahezu ein Drittel der Gesamtbevölkerung, halten die Kenntnisse der Schulabgänger in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Fremdsprachen für "schlecht"; dass die Schule sich kaum oder gar keine Mühe gebe, die Kinder zu fördern, glauben heute 26 Prozent - vor zehn Jahren waren es nur 17 Prozent. Und nach einer generellen Bewertung gefragt, erteilen 45 Prozent den Lehranstalten die Note "Vier" oder schlechter (siehe Grafik). Kein Zweifel, die Botschaft des Pisa-Schocks hat sich im Bewusstsein der Deutschen festgesetzt. Nun soll alles besser werden in den Schulen - nur nichts anders. Strukturellen Veränderungen gegenüber, wie die Pisa-Sieger sie vormachen, zeigen sich die Befragten wenig aufgeschlossen. "Insgesamt ergibt sich der Eindruck, die Öffentlichkeit fordert bessere Schulen ohne Reform", fasst IFS-Leiter Hans-Günter Rolff die Ergebnisse zusammen. Ähnlich träge zeigen sich Eltern, wenn es um ihren eigenen Beitrag geht oder den ihrer Kinder. Alle müssen sich mehr anstrengen - nur wir selbst bitte nicht ganz so sehr.

Deutlich gestiegen aber ist das Anspruchsdenken beim Thema Leistung. War Ende der reformpädagogisch bewegten siebziger Jahre noch eine Mehrheit von 60 Prozent überzeugt, die Leistungsanforderungen in der Schule seien zu hoch, glauben dies heute nur noch 15 Prozent (siehe Grafik). Dagegen hat sich der Anteil derer, die meinen, von den Schülern würde zu wenig gefordert, versiebenfacht (von 6 auf 42 Prozent). In rund 20 Jahren hat damit in der öffentlichen Wahrnehmung ein radikaler Einstellungswandel stattgefunden: Während früher über "Leistungsterror" geklagt wurde, schimpft man heute auf die "Kuschelpädagogik".

Wahlkämpfende Politiker sind also gut beraten, wenn sie mit der ebenso schlichten wie konservativen Forderung nach "mehr Leistung" über die Dörfer gehen. Allerdings sollten sie genau auf ihr Publikum achten. Denn die Haltung zum Schulbetrieb hängt stark vom persönlichen Bezug ab. Das Urteil der zusätzlich befragten Eltern mit Schulkind(ern) fiel nämlich deutlich milder (wenn auch tendenziell ähnlich wie das der Gesamtbevölkerung) aus: Eltern geben der Schule etwas bessere Zensuren und schätzen die Kenntnisse der Schüler höher ein. Fragt man gar, ob ihr eigenes Kind unterfordert sei, wollen das sogar nur noch sieben Prozent bejahen.

Natürlich lässt die Studie viele Fragen offen. Detaillierte Analysen, etwa was unter "Leistung" genau verstanden wird oder was die Eltern von Migrantenkindern denken, sind nicht möglich. Die Daten zeigen nur allgemeine Trends und die Veränderung der Stimmungslage zum Vorjahr. Doch gerade dies dürfte Bildungspolitiker interessieren. Wie etwa ist das Image der Schule in den unterschiedlichen Bundesländern? Die IFS-Studie liefert hierzu Aussagen zu den drei größten Ländern: Am stärksten ist der Unmut in Nordrhein-Westfalen - dort erhält das deutsche Schulsystem die schlechtesten Noten, und 50 Prozent finden die Leistungsanforderungen zu niedrig. Passende Daten dazu lieferte in der vergangenen Woche der Bildungsforscher Klaus Klemm von der Universität Essen. Im Vorfeld des Pisa-Ländervergleichs hat er Informationen über die Schulsysteme der Bundesländer zusammengetragen und dabei zum Teil gravierende Unterschiede ermittelt. So gibt Nordrhein-Westfalen mit 4300 Euro pro Jahr und Schüler deutlich weniger aus als Bayern (4800 Euro) und Baden-Württemberg (4600 Euro). Zudem haben die Schüler in dem SPD-geführten Bundesland von der ersten bis zur neunten Klasse bis zu 1000 Unterrichtsstunden weniger als im Freistaat - das entspricht einem ganzen Schuljahr. Schlecht schneidet Bayern dagegen bei der Abiturquote ab. Als eines der wenigen Bundesländer vernachlässigt es die Akademikerausbildung und muss Studenten importieren.