Anfang Mai, just als Guido Westerwelle sich beim Dreikönigstreffen der FDP als Deutschlands kommender Bildungsreformer präsentierte, traf sein Parteifreund, der Hamburger Schulsenator Rudolf Lange, auf einer Klausurtagung der neuen Hamburger Mitte-Rechts-Regierung eine Entscheidung, die so brisant war, dass er sie zunächst geheim hielt: Er wollte mehr als tausend Lehrerstellen einsparen - nachdem er im Wahlkampf noch angekündigt hatte, zusätzliche Lehrer einzustellen. Seit dieser Beschluss durchgesickert ist, hat Lange ihn zurückgenommen, bekräftigt, abgeschwächt und wieder verschärft und für seine Verwirrung die angeblich unfähigen Beamten seiner vormals sozialdemokratisch geleiteten Behörde verantwortlich gemacht. Helfen wird ihm das kaum noch. In den wenigen Monaten seiner Amtszeit hat der FDP-Senator Eltern, Schüler und die gesamte Lehrerschaft des Landes, von der GEW bis hin zur eher konservativen Schulleitervereinigung der Gymnasien, gegen sich aufgebracht.

Nicht, dass es an Hamburgs Schulen keinen Reformbedarf gäbe. Jahrelang hatten Gewerkschaften und Personalräte eine Arbeitszeitreform an den Gymnasien verhindert und durchgesetzt, dass alle Lehrer, egal ob sie Latein unterrichten oder Sport, dieselbe wöchentliche Zahl von Pflichtstunden geben müssen. Auch lässt sich mit einigem Recht fragen, ob der Stadtstaat nicht mehr in seine Gymnasien und weniger in Gesamtschulen hätte investieren sollen - nicht, weil die Gesamtschulen schlecht wären, sie sind nur keine echten Gesamtschulen, denn das Bildungsbürgertum der Hansestadt schickt seine Kinder im Zweifel eben doch lieber aufs Gymnasium. Gerade dort, an den Gymnasien, hatten viele Lehrer einen mutigen Reformer geradezu herbeigesehnt. Dann kam Lange.

Rudolf Lange, 60 Jahre alt, Konteradmiral a. D. und vormals Kommandeur der Hamburger Führungsakademie der Bundeswehr. Kein liberaler Überzeugungstäter, wie ein Weggefährte aus Bundeswehrzeiten urteilt, auch kein Hoffnungsträger der FDP, so ist in der Berliner Parteizentrale zu hören. Eher ein Mann mit Sinn für persönliche Chancen, der das Image des Unkonventionellen pflegt und gern von seiner Erfahrung in der freien Wirtschaft und als oberster Sicherheitspolitiker im Kanzleramt unter Kohl berichtet - einem solchen Mann mussten in der FDP einfach alle Türen offen stehen.

Weniger Lehrer, mehr Unterricht

Wie dringend die Hamburger FDP Lange braucht, das ahnt, wer mit dem zweitobersten Bildungspolitiker des Landesverbandes spricht. Martin Woestmeyer, schulpolitischer Sprecher der FDP-Bürgerschaftsfraktion, ist ein sehr netter junger Mann, der mit bemerkenswerter Offenheit einräumt, die Studien nicht zu kennen, von denen in seinem eigenen Antrag zur Lehrerarbeitszeit die Rede ist. Woestmeyer kennt auch die detaillierte und fachkundige Kritik des Personalrats der Gymnasien an des Senators Stellenplänen nicht, findet aber, dass er "als Parlamentarier das nicht zu Hause mit dem Taschenrechner nachrechnen" müsse. Und zur Pisa-Studie, dem Kulturschock in der deutschen Bildungspolitik, fällt ihm vor allem ein, dass "man da immer das herauslesen kann, was einem Recht ist".

Vielleicht ist dies das schlimmste Versäumnis des Hamburger Bildungssenators: dass er Pisa komplett ignoriert. Auf Jahre hinaus will Lange alle Ressourcen seines knappen Etats an Reformvorhaben wie das Zwölf-Jahres-Abitur binden, die mit den bestürzenden Ergebnissen des internationalen Schulleistungsvergleichs wenig zu tun haben. Die Pisa-Ergebnisse kamen im Dezember 2001, drei Monate nach der Bürgerschaftswahl, die im September Hamburgs CDU-Schill-FDP-Koalition an die Macht brachte. Hat man sie zum Anlass genommen, die eigenen Reformpläne noch einmal zu überdenken? Nein, wozu?, sagt der bildungspolitische Sprecher der Hamburger FDP. Man müsse doch die Wahlversprechen umsetzen.

Ach ja, die Wahlversprechen. Von neuen Lehrern, 750 hatte Lange im Wahlkampf versprochen, redet der Hamburger Senat inzwischen nicht mehr. Die Arbeitszeit der Lehrer hatte Lange vor der Wahl nicht antasten, hernach jedoch pauschal verlängern wollen. Schließlich hat er das Problem einer Expertenkommission übertragen.