Mit der Gesundheitspolitik tun sich die meisten Wahlkämpfer ziemlich schwer. Als Bundeskanzler Gerhard Schröder auf dem jüngsten SPD-Parteitag die Vorschläge der Opposition attackieren wollte, ging ihm das Wort "Risikostrukturausgleich" erst im dritten Anlauf fehlerfrei über die Lippen. Sein Herausforderer Edmund Stoiber bleibt bei Gesundheitsdebatten sicherheitshalber lieber gleich im Allgemeinen, ebenso der grüne Spitzenkandidat Joschka Fischer. Einzig der FDP-Populist Jürgen Möllemann hat die Gesundheitspolitik für sich entdeckt. Er ist überzeugt, dass liberale Parteien in europäischen Nachbarländern vor allem deshalb zweistellige Wahlergebnisse erzielten, weil sie sich stark in die Sozialdebatte einmischten.

Nur eines haben alle Parteien gemeinsam, wenn es um Gesundheit geht: Sämtlich fordern sie "grundlegende Reformen". Oder gar den "Systemwechsel".

Für die Gewerkschaften Grund zur Wachsamkeit. Frank Bsirske, Vorsitzender der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, versucht frühzeitig den Widerstand gegen den vermeintlichen Sozialabbau zu mobilisieren. In der heißen Phase des Wahlkampfes will die mitgliederstärkste deutsche Arbeitnehmerorganisation überall in der Republik mit Kirchen, Selbsthilfegruppen, Arbeitsloseninitiativen und Ärzten möglichst viele Aktionen gegen die Gesundheitskonzepte von Union und FDP starten.

Dafür hat Bsirske gemeinsam mit elf namhaften Experten ein Gegenkonzept erarbeitet, das demnächst vorgestellt wird. Es trägt vor allem die Handschrift des Kölner Gesundheitsökonomen Karl Lauterbach, der neben der Gewerkschaft die SPD und Gesundheitsministerin Ulla Schmidt berät. Diese Blaupause für eine große Gesundheitsreform enthält deshalb vieles, was sich auch Sozialdemokraten und Grüne für die Zeit nach der Bundestagswahl vorgenommen haben:

Das wichtigste Anliegen von ver.di ist allerdings, eine Aufspaltung des Leistungskataloges der gesetzlichen Kassen in so genannte Wahl- und Pflichtleistungen abzuwenden. Dies fordert vor allem die FDP und - in abgeschwächter Form - auch die Union. Demnach könnten Patienten auf die Erstattung bestimmter Gesundheitsausgaben durch die Krankenkassen verzichten. Im Gegenzug müssten sie dann geringere Beiträge zahlen. "Alle Probleme, die wir heute schon im Gesundheitswesen haben, würden sich dadurch verschärfen", warnt Experte Lauterbach. "Wahlleistungen sind nur attraktiv für Gesunde, die ein billiges Versorgungspaket mit weniger Leistungen wählen können. Für die Kranken wären genauso viele Leistungen notwendig, deren Beiträge würden also steigen." Ähnlich klingt das stets bei Ulla Schmidt. Wahltarife seien "Politik für gesunde Junge auf Kosten von kranken Alten", sagt sie.

Doch bei dem ver.di-Gesundheitspapier geht es um mehr als nur um Wahlkampfhilfe für die Sozialdemokraten. Aus dem üblichen Streit von Parteien und Interessengruppen fällt das Konzept heraus. Denn diesmal möchte die Gewerkschaft ausdrücklich nicht nur als Lobby der Beschäftigten im Gesundheitswesen gesehen werden. Im Mittelpunkt stehe vielmehr die andere Seite, also der Patient, beteuert Bsirske: "Wir haben mehrere hunderttausend Mitglieder, die im Gesundheitswesen beschäftigt sind, und natürlich nehmen wir deren Interessen wahr. Aber gleichzeitig sind bei uns 2,8 Millionen Versicherte und potenzielle Patienten organisiert, und auch um die geht es."

Das klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Bisher nämlich haben die Gewerkschaften regelmäßig sinnvolle Sparkonzepte vereitelt, weil sie glaubten, damit ihren Mitgliedern zu helfen. Als Gesundheitsministerin Schmidt (SPD) Ende vergangenen Jahres ein Sparpaket für den Arzneisektor vorlegte, nutzte Hubertus Schmoldt, Chef der Chemiegewerkschaft, seinen guten Draht zum Bundeskanzler, um die geplanten Einsparungen zu vermindern.