Mit Krakenarmen greift die Vergangenheit nach mir, seit ich die wahre Geschichte der Wuppertaler Bankräuber Kurt Sandweg und Waldemar Velte aufgezeichnet habe. Drei Tage nachdem das Buch in den Handel gelangt war, lag in meinem Briefkasten eine Postkarte, auf der stand: »Lieber Alex! Vielen Dank für das schöne Buch, das Du über mich geschrieben hast. Deine Dorli.« Dorli Schupp hieß die schöne junge Schallplattenverkäuferin, die im Advent 1933 den zwei Bankräubern im Basler Kaufhaus Globus Tag für Tag eine Schallplatte verkaufte. Sie ist 1942 aus Basel verschwunden, kein Mensch weiß, wohin. Heute wäre sie 102 Jahre alt. In der Baselbieter Gemeinde, dessen Poststempel die Karte trägt, hat noch nie jemand von einer Dorli Schupp gehört und in den umliegenden Dörfern auch nicht. Wenige Stunden später brachte der Postbote ein Paket. Es enthielt nebst meinem Buch 2,5 Kilogramm Basler Leckerli - meine Lieblingskekse. Obenauf lag ein Brief. »Sehr geehrter Herr Capus, es gibt ihn noch, den ehemaligen Lehrling von der Wever Bank, der in ihrem Buch auftritt, als er Sandweg und Velte in die Pistolenläufe schaut. Inzwischen bin ich 87 Jahre alt und seit 25 Jahren im Ruhestand. Würden Sie mir Ihr Buch signieren? Freundliche Grüsse, Werner Siegrist.«

Die offizielle Buchpräsentation fand statt an einem historisch verbürgten Schauplatz des Geschehens: der Personalkantine des Kaufhauses Globus in Basel. Tapfer stieg ich aufs Podium und fing an zu erzählen von der platonischen Liebe zwischen Kurt und Waldemar und Dorli, der Schallplattenverkäuferin - da rief eine kleine, heisere Stimme aus der hintersten Reihe: »Das stimmt ja alles überhaupt nicht! Die war bei den Vorhängen, nicht bei den Schallplatten!« Ein schlimmer Vorwurf für einen, der eine wahre Geschichte zu erzählen behauptet. Totenstill war's plötzlich im Saal. Ganz zuhinterst reckte eine ältere Dame empört ihr Hälschen. Was sollte ich tun? Meine Glaubwürdigkeit stand auf dem Spiel.

»Aber sicher war Dorli Schupp bei den Schallplatten!«, entgegnete ich über die Köpfe des Publikums hinweg. »Bei den Vorhängen war sie!« Die alte Dame erhob sich vom Stuhl. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn sie mit dem Fuß gestampft hätte.

»Ich bitte Sie, es war die Schallplattenabteilung. Was hätten zwei Bankräuber schon bei den Vorhängen zu suchen gehabt?«

»Wer ist denn dabei gewesen - Sie oder ich?« Die Dame hatte Recht. Sie war dabei gewesen, nicht ich. Sie hatte mit Dorli Schupp bei den Vorhängen bedient, nicht ich. Im Advent 1933 waren noch nicht mal meine Eltern geboren. Aber auch ich hatte Recht, und ich konnte es zweifelsfrei belegen anhand der Polizeiakten, die ich an jenem Abend eigens mitgenommen hatte. Denn gemäß Aktennummer 783 hat Dorli dem Schreiber des Staatsanwalts akribisch in die Schreibmaschine diktiert, welche Schallplatte Sandweg und Velte an welchem Tag bei ihr gekauft haben. Gibt es einen schlüssigeren Beweis dafür, dass sie bei den Schallplatten war? Das Original dieser Akte ist allerdings verschollen, und ich bin der einzige namentlich bekannte Mensch auf der Welt, der eine Kopie davon besitzt. Und das kam so.

Es stand meine Glaubwürdigkeit auf dem Spiel

Im Herbst 1987 war ich Student der Geschichte an der Uni Basel im achten Semester und sollte wieder mal eine Seminararbeit schreiben. Im Lesesaal der Bibliothek blätterte ich in Tageszeitungen aus den Jahren 1933 und 1934, die damals ja noch nicht auf Mikrofilm kopiert, sondern jahrgangsweise zu prächtigen Folianten mit Lederrücken und goldener Prägeschrift gebunden wurden. Ich geriet vom Hundertsten ins Tausendste, verlor mich zwischen Kino-Anzeigen, Eisenbahnkatastrophen und Waschmittelreklamen, vergaß die Seminararbeit, die ich übrigens nie schrieb, weswegen ich mein Studium leider nie mit einem Abschluss krönte - und stieß stattdessen auf die fetten Schlagzeilen, die Kurt Sandweg und Waldemar Velte verursachten. Bis dahin hatte mich keinerlei Ehrgeiz gequält, Schriftsteller zu werden; aber von jener Sekunde an war mir klar, dass das die Geschichte war, die ich erzählen wollte.