Drei Bewerbungen um eine Promotionsstelle schickte der Pharmazeut Ingo Bichlmaier vor eineinhalb Jahren an deutsche Universitäten. Eine vierte Bewerbung ging per E-Mail an die Universität von Helsinki - ein Freund hatte ihm von den guten Arbeitsbedingungen dort vorgeschwärmt. Schon am nächsten Tag kam ein Anruf aus der finnischen Hauptstadt mit der Bitte um nähere Informationen. Von der ersten deutschen Universität hörte Bichlmaier vier Monate später. Da war er schon längst in Finnland.

Politiker und Forschungsmanager registrieren besorgt, dass Deutschland auf Nachwuchswissenschaftler aus dem In- und Ausland oft abweisend wirkt. Am Ende könnten immer mehr Deutsche ihr Forscherglück im Ausland finden, ohne dass gleichzeitig genug talentierter ausländischer Nachwuchs nach Deutschland kommt, so die Befürchtung. Warum aber ziehen gute Wissenschaftler weg, und womit kann die Bundesrepublik vielversprechende Forscher aus aller Welt locken? Der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft wollte an die Stelle von Mutmaßungen Fakten setzen und startete die erste umfassende internationale Studie zum Thema. Befragt wurden nicht nur deutsche Wissenschaftler im Ausland, sondern auch ausländische Wissenschaftler, die zurzeit in Deutschland arbeiten. Die Ergebnisse liegen jetzt vor und zeigen: Wissenschaft in Deutschland ist zu wenig interdisziplinär und international. Nur rund ein Drittel der deutschen Wissenschaftler meinen, dass hierzulande ausreichend fächerübergreifend geforscht wird. Dem Gastland billigten dies dagegen zwei Drittel zu. Mehr internationale Kooperationen und mehr ausländische Wissenschaftler an deutschen Institutionen mahnten über zwei Drittel der deutschen, aber auch der ausländischen Wissenschaftler an. Weiterer Befund: Die Karrierewege, die das deutsche System Forschern bietet, empfinden diese als starr und risikobehaftet, die Entscheidungsstrukturen als nicht kooperativ genug. Wissenschaftler opfern keinesfalls ihr Leben dem Labor, auch das zeigt die Studie. Dass der Partner eine interessante Stelle bekommt, war für über 70 Prozent der deutschen Wissenschaftler im Ausland eine wichtige Voraussetzung für ihre Rückkehr.

An Projekten und Bemühungen, Deutschlands Forschung internationaler und interdisziplinärer zu machen, mangelt es schon jetzt nicht. Universitäten und Forschungseinrichtungen gehen auf weltweite Promotiontour, mit millionenschweren Forschungspreisen holte die Alexander von Humboldt-Stiftung Spitzenwissenschaftler aus der ganzen Welt ins Land, und spezielle Internet-Seiten verraten dem potenziellen ausländischen Nachwuchs alles über Visa und Deutschkurse, aber auch über das Wetter und die emanzipierten deutschen Frauen. Vergangenes Jahr erhielten ausländische Wissenschafler aus mehr als 70 Ländern Stipendien für Deutschland.

Arrogant und unflexibel

Interdisziplinäre Forschung findet sich unter anderem in den Sonderforschungsbereichen und Schwerpunktprogrammen der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Auch wenn es ums Geld geht, haben fächerübergreifende Ansätze nach der aktuellen Reform des DFG-Gutachtersystems bessere Chancen. Das Problem: An den eingefahrenen Denkweisen, vor allem an den Hochschulen, ändert das wenig. Dort machen Wissenschaftler oft andere Erfahrungen. Wer etwas gelten will, muss sich in den Fachzeitschriften und auf den Konferenzen seiner Fachdisziplin bewähren, "Mischmasch" ist nicht gefragt.

"In Deutschland kann es im Extremfall sogar passieren, dass an verschiedenen Instituten einer Universität ähnliche Fragestellungen bearbeitet werden und man nichts voneinander weiß", sagt Birgitta Wolff, Professorin für Internationales Marketing an der Universität Magdeburg. Ganz anders in Harvard, wo sie während ihrer Habilitation ein Jahr verbrachte. Bei regelmäßigen Forschungskolloquien diskutierten dort Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche und verschiedener Universitäten einmal die Woche übergreifende Themen. So kamen die Teilnehmer eines Seminars zur Unternehmenstheorie unter anderem von der Harvard Law School, der Kennedy School of Government und der Sloan School of Management des MIT. "Alle waren bestens vorbereitet, debattiert wurde auf höchstem Niveau, und oft waren Koryphäen mit von der Partie. So etwas gibt es bei uns einfach nicht", sagt Wolff.

Auch die Kritik der Wissenschaftler an der mangelnden Internationalität trifft vor allem die Universitäten. Die legten zwar beim Anteil der ausländischen Studierenden und den international ausgerichteten Studiengängen zu. Doch während beispielsweise bei der Max-Planck-Gesellschaft ein gutes Viertel der Institutsdirektoren und fast die Hälfte der Nachwuchs- und Gastwissenschaftler nicht aus Deutschland kommen, sind ausländische Professoren an deutschen Hochschulen Mangelware. So waren laut einer Umfrage der Kultusministerkonferenz im vergangenen Jahr gerade mal fünf Prozent der Professorenstellen mit Ausländern besetzt.