Über ein Jahrhundert alt ist der Webstuhl aus Buchenholz in der kleinen Keitumer Werkstatt von Silke Wessel. Bunte Fäden spannen sich darüber und bilden ein geordnetes Geflecht, auf das morgens die aufgehende Sonne fällt. Wie vor hundert Jahren arbeitet die geborene Sylterin dort, webt Schals, Decken und Tücher, Stoffe für Jacken und Westen oder Kissen, alles in Handarbeit.

Seit vierzig Jahren ist Silke Wessel Weberin. Gleich nach der Schule ging sie auf den Weberhof von Keitum. Zwölf Weber arbeiteten damals noch in dem Seefahrerdorf, aber Silke Wessel gehörte bereits zu den letzten Lehrlingen, die auf dem Hof das Handwerk lernten. Heute ist sie die einzige professionelle Weberin auf der Insel und eine von wenigen in Deutschland. "Weben ist körperlich harte Arbeit und wird schlecht bezahlt", sagt Silke Wessel. Denn anders als die Produkte vergleichbarer Kunsthandwerke wurden die heimischen Stoffe schon immer geringer geschätzt. Sie waren nicht wie Ketten und Ringe kostbare Schmuckstücke, sondern Gebrauchsgegenstände in jedem Haushalt.

Schon als Säugling hat Silke Wessel mit den bunten Fäden gespielt, die ihr die Mutter über den Kinderwagen spannte, mit 13 probierte sie die ersten Modezeichnungen und suchte unter der Nähmaschine der Tante Wollfäden zusammen. Nach der Lehrzeit ging sie in die Schweiz, zog dann an die Ostsee und kehrte nach Sylt zurück, um sich in Keitum selbstständig zu machen, wo sie jetzt in einem 150 Jahre alten Haus gegenüber einer Teestube ihre Werkstatt hat. Nebenan arbeitet ein Goldschmied, ein paar Meter weiter ein Glasbläser und eine Töpferin. "Das ist ein schönes Miteinander", sagt die 57-Jährige und blickt durch die kleinen Fenster auf Staudenbeete, in denen roter Klatschmohn, Lupinen und Storchenschnabel blühen und Wolle wie bunte Nester in den Bäumen hängt.

Betritt man kurz hinterm Keitumer Ortseingang im Osten der Insel ihren Laden, dann leuchtet es in allen Regalen: hier in Pastelltönen, da erdigbraun oder strahlend rot. Weiter hinten liegt ein Stapel Grün, daneben ein Berg Gelb, aus Wolle und Baumwolle, Seide und Leinen.

Am liebsten aber Kidmohair. Silke Wessel webt es luftig zusammen. "Das sind Stoffe, die man begreifen muss", sagt sie, "man muss sie anfassen." Fast immer wählt sie als Muster die klassische Fischgräte. "Ich mag das Auf und Ab des Musters, das ist wie beim Weben und wie im Leben, immer geht es hoch und runter", sagt sie, "alles verläuft zyklisch."

Das Geschirr des Webstuhls hebt und senkt sich klappernd. In einem Höllentempo schießt das Schiffchen mit der Wolle hindurch. Sanft schiebt Silke Wessel mit dem Kamm den neuen Faden an den fertigen Stoff. "Jeder Faden ist wichtig. Das ist wie in einer Familie: Der Einzelne hält auch das Ganze zusammen." Wenn sie Restmaterial verbraucht, geht es manchmal daneben. "Es steckt eben noch das typische Armutsdenken der Weber in mir", sagt sie.

"Die Vorbereitungen fürs Weben dauern länger als das Weben an sich, manchmal bis zu zwei Tage." Silke Wessel bestimmt Farben, Dichte, Länge und Breite des Stoffes, der entstehen soll. Dann stellt sie am Webstuhl das Grundmuster ein. Am Geschirr hängen Litzen, durch die die Fäden gespannt werden. So programmiert Silke Wessel gewissermaßen das Muster. Wenn sie jetzt die sechs Tritte betätigt, verstellen sich die Litzen und verändern dadurch die Fadengruppen und geben das Muster des Gewebes vor.