Der Zorn der Limousinen kennt keine Linderung. Sie quetschen den Alten gegen die Marmorwände, nehmen ihn paarweise in die Zange, schmirgeln ihn rund, überrollen ihn, bis er ein grober Block aus Chrom, Blech und Gummi ist - dann benutzen sie ihn als Puck und spielen Hockey mit ihm. Die Mörderautos werden geritten von einem unstillbaren Trieb, und nachdem sie den Alten gelyncht haben, rasen sie weiter und penetrieren nun einander: Sie rammeln sich gegenseitig zu Tode, riesige Geschlechtsteile, denen die Möglichkeit zur Entladung genommen wurde und denen nur die Vernichtung bleibt.

Das Kamikazefest der ausrastenden Limousinen ist ein zentrales Ereignis in Matthew Barneys neuem Film Cremaster 3, dem letzten Teil seines fünfteiligen Cremaster-Zyklus. Handlungsort und geheimer Protagonist des Films ist das Chrysler Building. Die große Autoschlacht wirkt wie ein Generator für alle Kräfte, die im Turm toben. Denn die Gewalt im Gebäudesockel dringt verfeinert bis in die obersten Stockwerke des Baues, ja, sie elektrisiert noch dessen Spitze. Vermutlich ist der Turm ein organisches Wesen, Produzent und Regisseur aller Gewalt.

Während in der Lobby die Limousinen ineinander krachen, klettert im Aufzugsschacht des Turmes ein Mann (Matthew Barney) nach oben. Es scheint, als würde er vom Tumult der tieferen Etagen in die Höhe geschoben. Der Mann ist Freimaurerlehrling. Am Ende wird er den Architekten Hiram (Richard Serra) ermorden, einen Wiedergänger des biblischen Baumeisters von Salomos Tempel, der sich den Turm ausgedacht hat und in dessen oberster Etage sitzt (siehe unten stehendes Interview mit Serra). Zuvor wird der Architekt aber dem Lehrling eine Zahnprothese einsetzen, die aus dem Metall des Autowracks gewonnen wurde. Während der Behandlung quillt aus Barneys Anus ein helles, weiches, perlmutternes Rinnsal: seine Zähne, die sich zurückverwandeln in den Urbrei, aus dem sie entstanden.

Man sieht also: Matthew Barney verwandelt, was er berührt, in Kunst; er scheidet sie sogar aus. Und wo er hinspuckt, keimt ein Mythos.

Spätestens seit dem Herbst 1999, als Michael Kimmelman, Kunstkritiker der New York Times, Barneys unerschöpfliche Fantasie pries und ihn als ultimately the most important American artist of his generation bezeichnete, ist Barney der große, weiße Wal im Becken der Kunst; die akademischen Putzfische umwimmeln ihn erregt.

Im Kölner Museum Ludwig ist jetzt die erste umfassende Ausstellung zu Barneys Cremaster-Zyklus zu sehen, sie wird von hier aus nach Paris und ins New Yorker Guggenheim Museum reisen. Der Cremaster-Zyklus ist benannt nach einem kleinen Muskel des männlichen Körpers, der, je nach Außentemperatur, die Hoden hebt und senkt. Der Titel des Zyklus spielt an auf die Herrschaft der Sexualität über unser Leben: Die Biologie macht die Biografie. Barneys Werk, vor acht Jahren begonnen, war konzipiert als großer Versuch, diese Macht zu unterlaufen, der Biologie und der Biografie zu entkommen. Barney beschwört den Moment, da sich der Fötus noch nicht entschieden hat, ob er Mann oder Frau werden will, und alles "offen" ist. Der Gedanke, dass es in der menschlichen Entwicklung eine Phase des Vorgeschlechtlichen gibt, hat ihn fasziniert: Zu diesem Zustand muss man doch zurückkönnen, zurück zum "Sowohl-als-auch", in den Urstrom des Lebens, der noch nicht ausgehärtet ist zu Männern und Frauen, Dingen und Wesen, Raum und Zeit.

Sein Zyklus ist unmöglich zusammenzufassen; am ehesten ließe sich sagen, dass Barney die Dinge aus den Lexika erlöst, um sie in seine eigene Enzyklopädie zu zwingen. Er erschafft eine perverse Welt, die er mit höchstem Ordnungssinn verwaltet. Spielorte seiner Filme sind ein Football-Feld in Idaho, ein kanadischer Gletscher, Manhattan, die Isle of Man und Budapest (die Oper und das Gellert-Bad). Was Barney auch tut, es ist "vielfach codiert", und die Feuilletonisten lieben ihn für seine Codes. Er gibt ihnen, was die Szene braucht; er füttert sie mit Rätseln, der Verheißung eines großen Zusammenhangs, Bauplänen eines Paralleluniversums. Wer sich hineinbegibt, fühlt sich, als reiste er mit einer verrückten Suchmaschine durchs Internet: Jedes Stichwort zerrt zehn Zusammenhänge ans Licht, jedes Bild zeugt 100 Verweise.