Von Glasenapp: Aus heutiger Sicht kann man nicht sagen, dass die Urteile zu milde sind. Es ist zu berücksichtigen, dass die Angeklagten zum Zeitpunkt der Tat, 1992, Jugendliche oder zumindest Heranwachsende waren und auf sie das Jugendstrafrecht zur Anwendung kommt. Daher steht im Vordergrund der Erziehungsgedanke, und man muss sich natürlich fragen, was nach Ablauf von zehn Jahren noch erzogen werden soll, wenn man die jungen Männer jetzt für die Taten, die sie vor zehn Jahren getan haben, ins Gefängnis sperrt.

Gerner: Sie haben gleichwohl - und ihr Kläger auch - von einem Skandal geredet. In welchem Zusammenhang?

Von Glasenapp: Der Skandal ist die lange Verfahrensdauer, nicht das Urteil heute. Das hängt natürlich insoweit zusammen, dass nur die lange Verfahrensdauer dazu geführt hat, dass heute das Urteil relativ milde ist. Aber ich glaube auch nicht, dass man das dem Rechtsstaat anlasten kann, sondern ich glaube, das sind Versäumnisse der Leute, die den Rechtsstaat ausmachen, nämlich der Justiz, möglicherweise auch der Politik.

Gerner: Nennen Sie doch mal klar Ross und Reiter. Wer hat warum was verzögert?

Von Glasenapp: Es ist uns nicht ganz klar, warum etwas verzögert wurde. Da gibt es unterschiedliche Auffassungen. Das Landgericht Schwerin, welches dieses Verfahren geführt hat, hat immer gesagt, man habe Verfahren vorrangig bearbeiten müssen, in denen die Angeklagten in Haft saßen, es seien Haftstrafen, die vorrangig behandelt werden. Wir vermögen das nicht so recht zu glauben, ganz einfach deswegen, weil man sich kaum vorstellen kann, dass eine Strafkammer fünf Jahre lang nur Haftsachen zu verhandeln hat. Vielleicht zum Hintergrund: Die Anklage liegt seit 1995 bei der Kammer und ist seitdem nicht bearbeitet worden, und das eben mit der Begründung, es hätten ausschließlich Haftsachen vorgelegen, die vorrangig hätten bearbeitet werden müssen. Das erscheint mir nicht so richtig überzeugend. Woran es sonst liegen könnte, da habe ich nur meine Vermutungen. Das ist ein Verfahren gewesen, was möglicherweise in seiner Brisanz nicht erkannt wurde.

Gerner: Nämlich?

Von Glasenapp: Ich glaube, dass man es 1995 für abgeschlossen erachtet hat, dass man nicht gesehen hat, dass es noch so viel Aufsehen erregen wird, dass man eigentlich überhaupt nicht richtig ermittelt hatte.